Achterbahn der Gefühle - Endstation: Natur

Es ist alles so surreal. Der Frühling drängt sich auf, die Sonne scheint und eigentlich schreit alles nach Leben da draußen. Gleichzeitig passiert gerade was ganz anderes in unserer Welt. Die Straßen in Berlin gleichen einer Geisterstadt. Es riecht nach Angst und Panik. Gleichzeitig ist da aber auch ganz viel Verbundenheit – eine Vorsicht unter den Menschen, ein mitfühlen und sorgen.



Vor einer Woche war meine Welt noch in Ordnung


Es kroch sich ganz langsam in meinen Alltag. Die ersten Menschen sprachen davon. Die ersten waren besorgt: „Dürfen wir uns noch treffen? Dürfen wir uns noch umarmen? Wir müssen jetzt was machen?“ – Zu dem Zeitpunkt habe ich es noch nicht verstanden – oder vielleicht auch nicht wahrhaben wollen. Es waren die ersten Anzeichen von Corona – einem kleinen Virus, der so ganz abstrakt erscheint. Ich wog mich noch in meiner Sicherheit, ich genoss noch meine ersten Erfolge meiner Selbstständigkeit und die ersten „halb“freien Tage nach einer sehr anstrengenden Zeit.


Ich habe mich auf den Frühling gefreut, mir ein rotes langes Kleid gekauft, die Jeansjacke schon aus dem Kleiderschrank geholt und mich schon mit dem ersten Aperol Spritz mit meinen Mädels an der Spree gesehen. Ich war davon überzeugt, dem Genuss wieder mehr Raum in meinem Leben zu geben. Auf meinem Visionboard für dieses Jahr strahlt in der Mitte „Aufblühen und Wachsen“ – und genau das habe ich mir fest vorgenommen. Endlich die Früchte meiner harten Arbeit zu ernten, endlich wieder einen Gang runterschalten nach einer langen Zeit nach Verzicht. Endlich mal wieder Wochenenden, endlich mal wieder Urlaub. So machte ich meine Pläne – zwei Wochen im Sommer und zwei Wochen im Oktober. Es sollte in die Berge gehen – acht Tage mit einer Freundin von Hütte zu Hütte und danach die pure Gönnung. Beim Buchungsklick für das Wellnesshotel im Anschluss des Trekkings musste ich mir lange zureden: „Ja, es ist viel Geld, aber du darfst das jetzt mal genießen, du hast es dir verdient.“ – Klick und ein pures Glückgefühl schoss durch meinen Körper. Oh yes, ich sah

mich schon mit Cappuccino im Garten am Pool liegen und einfach nur im Moment zu sein.

Ich wusste, bis dahin ist es noch eine lange Zeit, bis dahin warten noch etliche Aufträge – und dennoch freute sich mein kleines Kind in mir schon wahnsinnig – als würden Weihnachten und Ostern auf einmal zusammenfallen. Ich habe es geschafft. Ich war stolz auf das, was ich in einem Jahr gewuppt habe. Ich hatte nicht nur die Ziele für das Jahr geschafft, nein, ich hatte teilweise schon meine 3-Jahresziele erreicht.



Stolz bin ich immer noch, aber …


Eine Woche später saß ich dann gestern in dem Zug, um in den Bungalow meiner Mum nach Mecklenburg zu fahren – ich brauche ein Auszeit, Luft zum Atmen und Ruhe, um Klarheit zu gewinnen. Gerade bin ich auch unfassbar dankbar, dass ich diese Möglichkeit jetzt habe, denn in Berlin in meinen eigenen vier Wänden würde ich wohl durchdrehen. Daher danke Mama, dass du gerade so sehr für mich da bist und ich weiß, dass du jetzt diese Zeilen liest.

Auf der Fahrt las ich dann auch auf einmal eine Mail von Paypal. Mein Dad hat mir 100€ geschickt, mit dem Kommentar „Zum Renovieren“. In dem Moment flossen mir die Tränen. Ich war tief berührt und gleichzeitig dachte ich: „Ich darf mir jetzt nicht ins Gesicht fassen und die Tränen wegwischen, du könntest das Virus an den Händen haben“. In dem Moment wurde mir eins bewusst – ich habe in dem letzten Jahr viel mehr erreicht, als ich mir jemals vorgestellt habe, und gleichzeitig stehe ich jetzt hier und habe gefühlt weniger als vor einem Jahr. Schon irgendwie ein Paradox.



7 Tage, die mein Leben komplett verändert haben


Aber zurück auf Anfang. Freitagvormittag kroch auch bei mir langsam die Unruhe hoch – was ist mit deinen Trainings, was ist mit deinen Aufträgen? Ich wusste, dass ich dies nicht mehr verdrängen konnte. Zwei Stunden und ein paar Telefonate später war klar – bis Ende April ist alles abgesagt. Viele Trainings und ein hoher Verlust. – Quasi war ich ab diesem Moment „arbeitslos“.



Nächste Haltestelle: Schock und Verdrängung


Dies war das Startsignal für die Achterbahnfahrt. Erste Haltestelle Schock. Das kann nicht sein. Hilfslosigkeit brach in mir aus. Vor meinen Augen floss all mein Erspartes weg. Das, was ich die letzten drei Jahre zurückgelegt habe, um einen Puffer aufzubauen und Sicherheit zu ermöglichen. Das, wofür ich immer wieder zu meinen Freundinnen „das kann ich mir nicht leisten“ oder „können wir nicht zu Hause selbst kochen“ gesagt habe. Das, wofür immer ein inneres Konto beim Einkaufen im Kopf mitlief und „Nein“ gesagt hat. Von jetzt auf gleich war das in meinem Kopf auf einmal weg.

Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Der Schock musste raus, die Stunde beim Crossfit hat aber nicht gereicht. Da war die Frühstückseinladung von guten Freunden am Samstag Balsam für die Seele, sie wollten mich aufbauen. Und am Sonntag begrüßte ich den Frühling mit einer kleinen Radtour – als ginge das Leben weiter und mit Aperol Spritz am Wasser. Ja, ich versuche zu verdrängen. Ich versuchte den Kopf auszuschalten. Es gelang mir auch, aber leider nur für paar Stunden. Oder vielleicht auch zum Glück.



Und weiter zur Einsicht und Akzeptanz


Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wachte morgens mit Kopfschmerzen auf. Und da war noch was in meinem Körper: unfassbare Leere - eine Leere, die ich seit einem Jahr nicht mehr gespürt habe. Und so wurde mir am Montag noch viel mehr bewusst. Nein, ich hatte nicht nur einiges an Geld „verloren“, ich hatte noch viel mehr verloren – gefühlt meine Existenz. Ich liebe meinen Job; ich liebe es, Menschen zusammenzubringen; ich liebe es, Menschen zu bestärken; ich liebe es, Entwicklungen zu unterstützen – das hat mich ausgemacht, das hat meinen Alltag ausgemacht. Ich hätte in dem letzten Jahr nicht so viel erreicht, wenn ich nicht so viel Herzblut und Zeit in mein Business investiert habe. Ich habe für meinen Job gelebt. Aber jetzt war da nichts mehr, wofür ich hätte arbeiten können. Es war also nicht nur das Geld weg, sondern auch mein Sinn. Meine Aufgabe, die mich glücklich macht.


Ja, natürlich gab es auch noch was anderes in meinem Leben, neben dem Job. Meine Freunde. Wie gesagt, ich liebe es mit Menschen zusammen zu sein. Daher habe ich mich gern und viel mit Freunden getroffen. Aber auch das war vorbei – stattdessen war soziale Isolation im Programm und ich merkte schon jetzt, wie sehr ich eine Umarmung vermisse.

Was mir aber auch bewusst wurde, dass ich die Augen nicht mehr davor verschlissen konnte. Mein Leben war weg und es würde so in der Form auch nicht wiederkommen. Der Virus hat die Welt verändert und das hoffen, dass man den nächsten Morgen aufwacht und alles nur ein schlechter Traum war, war auch nicht mehr möglich.


Und ja, genau für solche Situationen und Zeiten bin ich Coach. Genau in solchen Phasen unterstütze ich Menschen und auf einmal befand ich mich auch direkt in dieser Fahrt – in der Fahrt der Veränderung; auch wenn ich eigentlich nicht einsteigen wollte.


Wie sagte Epiktet aber so schön: „Es sind nicht die Dinge an sich, die die Menschen erschüttern, sondern die Sicht auf die Dinge.“

Toll, klingt gut, der Verstand versteht es auch, das Herz aber nicht. Und so stand ich dann in meiner Wohnung und wusste nicht mehr wohin mit mir: In Berlin bleiben? Zu meiner Familie nach Thüringen fahren? Oder doch in den Bungalow nach Mecklenburg? Meine Entscheidung ändert sich im Minutentakt – wie eine Uhr, die immer wieder das Ziffernblatt weiterdreht.



Ich muss hier raus …


Mir wurde aber bewusst, dass ich raus aus Berlin musste – ich brauchte Luft zum Atmen. Ich brauchte Weite anstatt die Aussicht auf die Häuserfassade im zweiten Hinterhof. Es fühlte sich schon jetzt wie ein Gefängnis an.

Als ich die Entscheidung getroffen habe, fühlte es sich frei an und gleichzeitig merkte ich, wie schwer es mir ums Herz wurde. Gefühlt lies ich auch das letzte los, was ich noch aus meinem „alten“ Leben hatte – mein gewohntes Umfeld, meine Wohnung.

So schnürte ich meine Laufschuhe – das tat mir schon immer gut. Ein letztes Mal noch einmal ans Wasser. Kopf ausschalten. Ruhe genießen.

Und dann krochen sie langsam hoch in meinen Kopf – die ersten Ideen. Die ersten Dinge an was Neues. Glücklicherweise bin ich ein Mensch, der sich schnell für etwas begeistern kann und das dann auch immer sofort teilen muss. Mein Glück, denn so musste sich meine Mum meinen Sprudel an Optimismus per Sprachnachricht anhören. – Mein Glück, denn so schnell der Sprudel gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden, aber die Sprachnachricht war noch da. Sicher im Chatverlauf. Die Kugel auf der Veränderungskurve zum „Öffnen für Neues“ hatte noch nicht genug Schwung und rollte somit zur Akzeptanz zurück.

Ich brauchte also Ruhe. Klarheit. Neue Energie.



Die Fahrt zu mir …


Und so habe ich mich gestern Vormittag in einem leeren Zugwaggon wiedergefunden. Mit 2 Koffern, einer Tasche und einem riesigen Backpacking-Rucksack. Zumindest mein halbes Bücherregal wollte ich mitnehmen – irgendwie gehört es zu meinem Job und es fühlte sich richtig an, wer weiß, welche Ideen da draußen auf dem Land entstehen. Und als ich in dem Zug saß, wusste ich: „Nie wieder beschwere ich mich über zu volle Züge. Bevor ich so viel Platz für mich allein habe, atme ich lieber Luft ein, die schon hunderte vor mir ein und ausgeatmet haben. Nie wieder möchte ich unter diesen Umständen Zug fahren.“

Drei Stunden später war ich dann angekommen. Der Kühlschrank gefühlt. Die Taschen ausgepackt. Der erste Milchkaffee mit viel Schaum gemacht. – So saß ich dann allein mit mir auf der Terrasse und die Sonne schien, als wäre nichts passiert. Die Vögel zwitscherten. Das Leben ging weiter.


Und so langsam legte sich auch in mir der Sturm. Ich lies mich auf den Gesang der Vögel ein – als wäre es ein Wiegelied, um ein Kind zur Ruhe zu bringen.

Mit dieser Ruhe kam dann auch die Klarheit. Ich konnte das erste Mal in Ruhe auf die letzten Tage zurückblicken und meine Achterbahnfahrt erkennen. In dem Moment musste ich lächeln: „Klasse, so eine richtig schöne Veränderungskurve wie aus dem Bilderbuch. Theorie bestätigt.“ Damit stellte sich bei mir auch das Vertrauen ein, denn nach Schock – Verweigerung – Einsicht – Akzeptanz geht es eigentlich wieder bergauf. Eigentlich, denn mir ist schon klar, dass meine Kugel auf dieser Kurve immer wieder hin und her rollen wird.



Ich bin dankbar…


Und dennoch bin ich auch dankbar. Vielleicht klingt es etwas übertrieben. Ja, ich hätte auch gut und gerne auf diese Viren-Monster verzichten können. Ich habe mein Leben geliebt, aber ich liebe es auch immer noch.


Mir ist aber einiges bewusst geworden:


  • Neben der finanziellen Existenz hat mich die Sinnleere bedroht. Und das heißt, dass ich bisher und auch in Zukunft ein besonders großen Schatz habe: ich mache etwas, was mich wirklich erfüllt. Ich habe in meinem Leben etwas gefunden, was mich wirklich glücklich macht. Allein dieses Wissen ist schon viel Wert.


  • Ich habe für mich erkannt, dass mein Sinn auch jetzt lebt. Ich möchte Menschen zusammenbringen; ich möchte, dass Menschen über sich hinauswachsen. Und genau das passiert gerade in der Krise. Vielleicht nicht unbedingt durch mein aktives Tun, aber durch das Handeln in der Gemeinschaft. Somit fällt es mir gerade auch leichter, dem Schmelzen auf meinem Konto zuzuschauen, denn gleichzeitig weiß ich, dass dies meinem Sinn zugutekommt.


  • Auch wenn meine Teamentwicklungsausbildung und mein eigener Coachingprozess abgesagt wurden, habe ich in den letzten Tagen sehr viel über mich selbst erfahren. Ich habe gelernt, wie stark mich die Existenzfrage immer wieder einholt. Ich habe aber auch gelernt, dass ich in den letzten Jahren persönlich stark geworden bin. Ja, es ist gerade eine beschissene Zeit – dennoch kann ich durch die Selbstführung in mir Halt finden, auch wenn der äußere Halt gerade wegbricht.


  • Und ich weiß jetzt, warum Online an sich nicht mein Ding ist. Es geht mir nicht per se, um das Medium. Mir ist aber ein Bedürfnis meiner Arbeit ganz bewusst geworden. Ich habe mich bisher gegen Onlineangebote gesträubt, weil ich in Trainings und Workshops Wissen nicht doziere. Das ist nicht mein Verständnis von Pädagogik. Vielmehr möchte ich Erfahrungsräume schaffen, wo Menschen sich begegnen und durch Übungen Dinge praktisch erleben können. Reflexion von Erfahrungen ist so viel wichtiger als Theorie. Und momentan sehe ich hier noch Grenzen in der digitalen Umsetzung. Nichtsdestotrotz konnte ich bei einem ersten virtuellen Impulsabend, den ich mit einer Kollegin gegeben habe, erleben, dass dennoch Verbundenheit möglich ist. Und vielleicht ermöglicht die „Distanz“ Menschen sogar, sich mehr zu öffnen, weil sie sich gefühlt, sicherer fühlen. Vielleicht aber auch nicht. Zum Glück sind wir ja alle unterschiedlich.


  • Und es gibt noch einen Punkt. Dieses ist nicht Pessimismus oder ein Fallen lassen – vielmehr ist er für mich Realismus und wahre Begegnung mit mir selbst. Ich sehe, dass ich vieles in den letzten Jahren investiert habe. Und ich bin sehr stolz und dankbar dafür. Ich sehe, dass ich dafür auch auf vieles verzichtet habe – meine Familie hat mich kaum gesehen, ich habe manche Hobbys vernachlässigt, ich habe keine Beziehung. Das war auch immer okay für mich, es war meine Entscheidung und ich wusste auch immer, wofür ich es mache. Auch wenn mir Freunde gerade Mut machen möchten, dass ich es immer wieder schaffen werde, meine Selbstständigkeit aufzubauen, auch wenn ich jetzt alles verlieren würde – weiß ich gerade ganz klar, dass es für mich nicht eine Frage des Könnens ist, sondern des Wollens – eine Frage der Priorität und der Werte.


Das heißt jetzt aber nicht, dass für mich das Buch der Selbstständigkeit geschlossen ist. Momentan befinde ich mich noch im Drama, im Hauptteil - und welches Happy End es geben wird, das wird sich wohl in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Und ich bin mir im Klaren, dass ich dabei als Autorin einen ganz großen Beitrag leisten kann.


Und wenn ich jetzt so auf die Zeilen blicke, war das ganz schön viel für die letzten Tage – in jedem Schlechten liegt wohl auch was Gutes. Und jetzt werde ich erst einmal die Tage hier auf dem Land genießen, zur Ruhe kommen, mir Zeit für mich nehmen und Ideen schmieden – auf unbestimmte Zeit.


Und wenn ich wieder zurück nach Berlin komme, werde ich wohl meine Wohnung noch neu streichen, denn das war zwischendurch eine Ablenkungsidee, die gar nicht mal so schlecht war. Die Wände hätten es nötig – das Geld für die Farbe habe ich ja jetzt, also danke Papa. Und danke Mama, dass du gerade für alle Zoom-Versuche als Testperson zur Verfügung stehst, damit ich meine Online- Ideen auch ausprobieren kann, und gleichzeitig dabei mir auch Mut machst. Danke, dass es euch gibt – an all meine Freunde und meine Familie.


Und damit ich mich hier nicht allzu sehr "einsam" fühle, übe ich nicht "soziale Distanz", sondern nur körperliche Distanz aus - daher gebe ich jetzt einmal mit Suanne in der Woche das virtuelle Café der Fragen  oder Online-Mini-Workshops, zumindest solange, bis sie wieder offline stattfinden können. Oder ich zoome mit guten Freunden oder coache online meine Coachees. Es ist halt doch immer eine Frage der Perspektive und aus der Akzeptanz heraus blickt es sich schöner als aus dem Schock.

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