„Warum fällt es uns schwer, uns etwas Gutes zu tun?“

Im Dezember habe ich von Sarah von https://neugierigauf.de/ die Anfrage bekommen, ob ich zu dem Thema „Warum fällt es uns schwer, uns etwas Gutes zu tun?“ einen Blogbeitrag schreiben kann. Ich dachte sofort: „Das ist mein Thema. Na klar.“ – und dann merkte ich, dass es doch nicht so einfach war, ein paar Zeilen zu schreiben.


Keine Zeit. Keine Gedanken.


Und so verging ein Tag nach dem anderen. Es wurde Januar – die Zeit rannte und mein Kurzurlaub mit anschließender Weiterbildung in Österreich stand vor der Tür – aber es gab immer noch kein einziges Wort auf dem Papier. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn schließlich hatte ich versprochen, den Artikel bis Ende Januar zu schicken – die Erinnerungsmail flog auch schon in mein Postfach.

Aber da war ja noch die lange Zugfahrt und sowieso: Zugfahrten sind immer sehr inspirierend. Also malte ich mir vor meinem inneren Auge schon das Bild aus – ein leckerer Cappuccino, die vorbeiziehenden Berge und dann das meditative Klicken auf meiner Tastatur.


Ich freute mich darauf.





Die Zugfahrt – ein Weckruf an meine Selbstfürsorge


Doch dann kam alles anders. Bis München hatte ich es endlich geschafft, die übrig gebliebenen Mails abzuarbeiten– aber hey, es lagen noch gute zweit Stunden vor mir. Die Bergkulisse war nun auch da, der Schnee funkelte, mehr braucht es ja jetzt nicht mehr. Aber das meditative Klickgeräusch blieb aus – worüber sollte ich schreiben?


Ich wälzte meine Gedanken, schaute aus dem Fenster und merkte, dass nichts in meinen Kopf war – die letzten Tage waren genauso an mir vorbei gerauscht wie die Bergkulisse nun an meinem Fenster. Irgendwie hatte ich es auch immer noch nicht realisiert, dass ich am nächsten Tag auf der Skipiste stehen würde, obwohl ich doch auf dem Weg zum Bahnhof deutlich das Gewicht der Skistiefel im Koffer gemerkt hatte.

In dem Moment fiel es mir ein: „Warum fällt es mir schwer, mir Gutes zu tun?“ – Ich wusste ganz genau, was das „Gute“ nun wäre – Musik anmachen, aus dem Fenster schauen und genießen – einfach mal nichts tun. Ich wollte mich auf den Urlaub einstimmen und nicht bis zur letzten Minute, um dann gehetzt aus dem Zug zu springen und das erste Mal im Hotelzimmer durchzuatmen. Nein, das war nicht meine Vorstellung von Urlaub.


Dennoch haderte ich. Das schlechte Gewissen drang sich auf, die Erwartungen lagen wie gefühlte 100kg auf meinen Schultern – was ist, wenn ich den Beitrag jetzt nicht schicke? Sie hatte ja damit gerechnet. Und müsste ich mir nicht gleichzeitig selbst eingestehen, dass ich es nicht geschafft habe?



Der Weg zur Selbstfürsorge


Ja, unsere eigenen Erwartungen an uns selbst und von anderen können ganz schöne Saboteure sein, wenn es um die Selbstfürsorge geht. Sie hindern uns daran, für uns eine Grenze zu ziehen und damit die eigene Balance zu finden.


Was ist aber das schlimmste, was passieren kann?

Ich entschied, der Artikel kann warten – was nicht warten kann, ist meine Selbstfürsorge. Ich schrieb noch eine kurze Mail, dass ich den Artikel nicht geschafft habe, klappte den Laptop zu und ließ mich in meinen Sitz fallen. Ich atmete tief. Einmal, zweimal, dreimal und erst dann realisierte ich, wo ich gerade war – auf dem Weg in den Skiurlaub. Seit drei Jahren war ich nicht mehr Skifahren und auf einmal konnte ich mich wie ein kleines Kind freuen. Unglaublich, dass ich mir diese Vorfreude fast genommen hätte. Ich starrte aus dem Fenster, war ganz fasziniert von den Bergen und fühlte einfach nur noch dieses Gefühl von „Nach Hause kommen“.


Warum fällt es uns also schwer?


In all der Hektik des Alltags finden wir meist gar nicht die Zeit, kurz innezuhalten und zu schauen, was wir eigentlich gerade brauchen. Wir erkennen unsere Bedürfnisse gar nicht – aber ist nicht das der erste Schritt, um uns überhaupt was Gutes tun zu können?


Und wenn wir dann doch mal einen klitzekleinen Moment gefunden haben, an uns zu denken und zu überlegen, was wir eigentlich brauchen – wartet da schon eine kleine Armee an Saboteuren, die ihren Job wirklich gut machen. Schließlich sollen wir uns nicht „von den wirklich wichtigen Dingen“ im Leben ablenken lassen – wir sollen ja stark sein, performen und allem gerecht werden.


Dennoch darf der andere Gedanken auch mal aufkeimen und blühen – neben der Stärke dürfen wir auch schwach sein, neben der Leistung darf auch mal Entspannung stehen, neben dem „für andere“ darf auch mal „für mich“ stehen, denn nur, wer selbst Kraft und Energie hat, kann sie auch an andere abgeben.

Ich glaube, ich hätte vermutlich auch noch die restlichen zwei Stunden uninspiriert auf das weiße Blatt auf meinem Laptop gestarrt, die Worte wären nicht geflossen. Stattdessen brauchte ich genau diese Erfahrung, um diese Worte zu finden.





Meine Selbstfürsorge – mein Isolierband


Also habe ich mir im Urlaub ganz viel Selbstfürsorge geschenkt. Der Laptop blieb im Koffer. Stattdessen hüllte ich mich nach der Skipiste in meinen Bademantel und las ein Buch und da es meiner Meinung nach keine Zufälle gibt, war es genau das Richtige, denn ich habe eine schöne Metapher darin gefunden. In dem Buch „Auszeit im Café am Rande der Welt“ teilt John Strelecky mit uns ein wunderschönes Bild. Wenn man zwei Rohre miteinander verbindet, braucht es Isolierband, damit später kein Wasser austritt. Das Isolierband ist nur ein kleines Detail, welchem wir nicht allzu viel Bedeutung schenken. Gibt es dieses Isolierband aber nicht, wird immer ein wenig Wasser austreten, so dass die Verbindung irgendwann nicht mehr dicht ist. Mit jedem Tropfen verliert das System etwas an Ressource.


Genauso ist es auch in unserem Leben – jeder von uns braucht ein „Isolierband“ – ein Isolierband, dass unsere Energie aufrecht erhält, damit wir in Verbindung mit anderen Menschen bleiben können. Bei dem einen ist es vielleicht der wöchentliche Sportkurs, bei dem anderen der tägliche Spaziergang mit dem Hund – egal, was es auch ist, es ist wichtig, dass dieses Isolierband nicht in Vergessenheit gerät.


Mein Isolierband war in diesem Moment die Bewegung an der frischen Luft und die wirkliche Auszeit. Im Alltag ist es mein Sport und Yoga. – Kennst du dein Isolierband?



Was ich dir mitgeben möchte…


Weil ich selbst immer wieder merke, dass ich die Selbstfürsorge immer wieder vergesse, hier noch ein paar konkrete Tipps für dich.


  1. Mache dir immer wieder deine eigenen Bedürfnisse bewusst. Bei mir war diesmal der Blick aus dem Zugfenster der Weckruf – ich bin dankbar dafür. Achte darauf, dass du auch immer wieder im Alltag solche Weckrufe hast, z.B. durch ein Dankbarkeitstagebuch, Achtsamkeitsübungen.

  2. Frage dich „Was ist das Schlimmste, was passieren kann?“ Und lerne dann auch mal Nein zu sagen – denn jedes Nein ist gleichzeitig auch ein Ja.

  3. Plane dir schon rechtzeitig deine Auszeiten ein. Ich habe regelmäßige Blocker, die mit „ICH“ gekennzeichnet sind.

  4. Inspiriere dich selbst. Manchmal fällt es uns dann gar nicht so leicht, etwas Gutes zu tun, wenn wir mal Zeit haben. Daher habe ich mir letztes Jahr eine Inspirationsliste für den Sommer geschrieben. Es war für mich nicht eine to-do-Liste, die ich abhaken musste. Vielmehr war es für mich eine Erinnerungshilfe im hektischen Alltag an die Dinge, die mir neben all meinen Aufgaben auch noch Spaß machen – Freiluftkino, Rennrad fahren, SUP. Und tatsächlich habe ich letzten Sommer viel mehr solche Dinge spontan unternommen und dadurch die Tage auch bewusster wahrgenommen. Wonach sehnst du dich in den nächsten Monaten, woran möchtest du dich immer wieder erinnern?



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