Kannst du dich noch daran erinnern, wie du als kleines Kind rausgerannt bist, als es geregnet hat und du von einer Pfütze in die nächste gesprungen bist, Hauptsache es spritzt ganz viel. Oder wie du dich auf dem Klettergerüst von einer Stange zur nächsten gehangelt und neue Kunststücke ausprobiert hast, so dass deine Eltern schon halb einen Herzinfarkt bekommen haben – aber hoch ist halt noch nicht hoch genug und schließlich hältst du dich ja auch gut fest.

Wenn ich meine Augen so schließe, sehe ich noch sehr gut diesen kleinen neugierigen Wirbelwind, der immer überall sein musste, alles wissen und vor allem alles ausprobieren wollte; der lachend durch die Felder gezogen ist und ganz stolz war, als er oben auf dem Strohballen sitzen und die tollsten Träume sich ausmalen konnte.

Das war vor vielen Jahren …

Wenn dein Leben dein Lehrer ist …

Und jetzt? Jetzt stand ich an einem Sonntag in meinem Fitnessstudio und mein Coach eröffnete mir mit einem Grinsen, dass es zur Aufwärmung 3 x 10 Rollen gibt, vorwärts und rückwärts selbstverständlich. – Wie bitte – was soll ich machen?! Ich war mir nicht ganz sicher, ob er das wirklich Ernst meinte, aber immerhin stand es schwarz auf weiß in meinem Trainingsplan. Und das Ganze soll ich auch noch viermal die Woche machen.

Ich schaue nochmal von den Matten am Boden zu meinem Coach und wieder zurück. Na ja, nun gut, so schwer kann das ja nicht sein. Aber tatsächlich habe ich mich gefragt, was das jetzt mit Sport und vor allem mit Crossfit zu tun hat. Ich war ja schließlich nicht im Turnverein angemeldet.

Aber da ich meinen Coach kenne, wusste ich, dass er sich sowieso nicht auf Diskussionen einlassen würde. Vielmehr spürte er meine Zweifel und bei der Rückwartsrolle auch meine Hilflosigkeit. Tatsächlich war es nämlich doch nicht mehr so easy wie früher. Also fragte ich ihn, wie ich was machen muss, ich wollte eine klare Handlungsanweisung: wie muss der Arm liegen, die Hand nach oben oder unten, darf ich mich abstützen oder Schwung holen …“

Fragen über Fragen, damit ich es auch richtig mache. – Als würde es die perfekte Rückwartsrolle geben, ein Gesetz, wie man sie zu machen hat. Und die einzig richtige Antwort, die mir mein Coach gab war:

„Fang an zu spielen, es gibt kein richtig und falsch. Lerne deinen Körper kennen und spüre, wo dein Schwerpunkt ist.“

Und dieser Satz, diese Aufforderung, hallte nach; er hat mich ein paar Tage begleitet und bei jedem Training ist mir mehr und mehr bewusst geworden, was fehlte – die Leichtigkeit; die Leichtigkeit von früher. Stattdessen war der Ehrgeiz und die Verbissenheit da. Der Spaß ist der Anstrengung gewichen. Ein Training, wo ich nur rolle? – Nein, da schwitze ich ja nicht. Ich muss mich verausgaben, kaum noch Luft bekommen und glauben, dass ich keinen Schritt mehr schaffe. Ja genau, das brauche ich, damit ich weiß, dass ich auch alles gegeben habe.

Wie im Leben …

Aber ist es wirklich so? – Und dann wurde mir auf einmal die Parallele zu meinem Leben bewusst.

Auch da rennen wir den großen Zielen hinterher und vergessen manchmal, dass wir eigentlich erst die Basis dafür legen müssen, denn die Rollen hatten schon ihre Berechtigung. Ich möchte nämlich Handstand im Freien können. Aber wie soll man diesen machen, wenn man Angst hat, dass man umkippen könnte und sich dann nicht mal abrollen kann. – Ja ich sage doch, ich habe den besten Coach der Welt. Manchmal müssen wir mit den kleinen Dingen starten bevor die großen kommen können.

Auch im Leben versuchen wir immer alles richtig zu machen. Und bevor wir etwas falsch machen, dann machen wir lieber gar nichts; denn schließlich sind Fehler das schlimmste der Welt und unumkehrbar. Zumindest sagt uns dies das kleine Teufelchen auf unserer Schulter und verhindert somit den Weltuntergang. Was wäre aber, wenn wir mal einen Fehler wagen? Oh ja, wir lernen. Und tatsächlich nach 4 bis 5 Rollen hatte ich den Dreh raus, wo meine Hand liegen muss und vermutlich liegt sie bei jemand anderem ganz woanders. Schließlich sind unsere Körper nicht alle gleich. Sprich, jeder muss seine eigene Art finden – es gibt nicht die perfekte Lösung. Herzlichen Glückwunsch für diese Erkenntnis.

Und im Leben suchen wir auch immer die Anstrengung anstatt den Spaß als höchste Priorität einzustufen. Schließlich haben unsere Großeltern früher schon immer „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ gepredigt und dieser Satz hat sich fest in unser Gedächtnis gebrandmarkt. Aber entspricht dies wirklich der Realität? – Wann „schaffen“ wir das meiste, wann haben wir die besten Ideen, wann fließt es einfach nur so aus uns heraus? – meistens wenn wir Spaß haben.

Ich kann mich noch sehr gut an eine Situation von vor paar Wochen erinnern, als ich mit zwei hellen Köpfen an einem runden Tisch saß und ein Flipchart mit ein paar To Dos vor uns stand. Jemand, der die Situation nur von außen betrachtet hätte, ohne die Stimmen zu hören, hätte vermutlich gesagt, dass wir Smalltalk gemacht, dass wir gelacht und dass wir rumgeblödelt haben – die Wahrheit war, dass es die zwei produktivsten Stunden seit langem waren. Spaß und Arbeit können zusammenpassen. Wir müssen uns nicht immer unter Druck setzen, das Gefühl haben, dass wir ganz konzentriert und angestrengt an unserem Schreibtisch sitzen, damit die beste Idee ever entstehen kann. Es ist vielmehr das Spiel aus Anspannung und Entspannung.

Oh ja, die Vorwärts- und Rückwärtsrollen haben mir nicht nur gezeigt, wie der Weg zum Handstand aussehen kann, sondern wie auch der Weg zu einem Leben mit mehr Leichtigkeit sein kann.

Mit Ausprobieren.

Mit den kleinen Dingen.

Mit Fehlern zum Lernen.

Mit Spaß statt Anstrengung.

Mit Genuss.

Und daher frage ich dich, auf einer Skala von 0 bis 10, wie viel Leichtigkeit spürst du in deinem Leben? Standest du schon mal auf einem anderen Punkt? Was war da anders? Wovon wünscht du dir vielleicht mehr? Und was ist der nächste Schritt, den du dafür machen kannst?

Ich bin auf jeden Fall am nächsten Morgen mit der Happy Playlist aufgestanden und bin erst einmal tanzend durch die Wohnung gewirbelt. – Für mehr Leichtigkeit im Leben.

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