PSI – Intelligenz und Intuition sind Freunde

Was ist PSI eigentlich? – Ich kann dir jetzt dazu mehrere Antworten geben: Ausgeschrieben bedeutet es „Persönlichkeit-System-Interaktionen“. Es ist eine komplexe Persönlichkeitstheorie, die von Prof. Dr. Julius Kuhl begründet wurde. – Das ist die sehr allgemeine Antwort. Meine subjektive Antwort wäre: „Es ist eine wahnsinnig spannende, komplexe Theorie – die mich neugierig macht, mehr zu erkunden. Der dazugehörige Diagnostiktest regt uns an, uns als Person genauer zu hinterfragen, „blinde“ Punkte zu erkennen oder auch Ressourcen aufzuspüren. Es ist eine Theorie, die mich viel beschäftigt und die mich vermutlich auch noch sehr lange beschäftigen wird.“

Hab ich dich jetzt neugierig gemacht? Möchtest du mehr erfahren? Dann lies weiter.

PSI einfach erklärt – not so easy

Ehrlich gesagt, sitze ich an diesem Artikel schon 1,5 Wochen. Ich habe Ende September 3 Tage lang den ersten Teil der Ausbildung zur PSI-Kompetenzberater absolviert und dabei vor allem die Grundzüge der Theorie kennengelernt. Ende Oktober folgte dann der zweite Teil. In diesen 3 Tagen ging es vor allem um die Auswertung der Diagnostiktests – wie kann ich mit meinen Coachees gemeinsam den Test auswerten, wie können wir Ressourcen und Entwicklungsaufgaben entdecken.

Und an dem Abend habe ich dann voller Euphorie beschlossen – Ja, der nächste Blogbeitrag ist dazu. Es hat jetzt aber ganz schön lange gedauert.

Warum? Weil es meiner Meinung nach gar nicht so einfach ist, die Theorie in einem kurzen Beitrag darzulegen. Das Standardwerk von Prof. Dr. Kuhl dazu umfasst 1000 Seiten und ich weiß nicht, ob ich mich diesem jemals wirklich hingeben werde.

Prof. Dr. Julius Kuhl hat eine Theorie aufgestellt, „die vielfältige valide Ergebnisse aus der experimentellen Psychologie integriert und durch die Erkenntnisse der modernen Neuropsychologie bestätigt wurde“, so steht es auf der Seite des Impart-Instituts.

Okay, so viel schlauer ist man damit jetzt auch nicht. Ich versuche mich mal in einer kurzen Zusammenfassung. In der Theorie geht es unter anderem um folgende Aspekte.

Motive – Antreiber für unsere Handlungen

Kuhl sagt, dass ein Motiv ein „intelligentes Bedürfnis“ ist – schon ein interessanter Ausdruck, oder? Was meint er damit?

Ein Mensch hat z.B. ein Bedürfnis nach Wertschätzung. Dies kann er auf unterschiedliche Art und Weise erreichen. Zum Beispiel, indem er Beziehungen aufbaut und darüber Wertschätzung erhält oder indem er Leistungen erzielt, für die er dann Wertschätzung erfährt. Im ersten Fall hätte der Mensch ein Beziehungsmotiv (Anschlussmotiv) und im zweiten ein Leistungsmotiv, um sein Bedürfnis zu stillen. Das Motiv weiß also, wie es das Bedürfnis erfüllen kann, und ist gleichzeitig unser Beweggrund für Handlungen – also unser Antreiber.

Kuhl unterscheidet in seiner Theorie vier verschiedene Motive:

  • Beziehungsmotiv (Anschlussmotiv)
  • Leistungsmotiv
  • Machtmotiv
  • Freiheitsmotiv

Dabei vereinen die Motive ganz unterschiedliche Ausprägungen – Macht ist zum Beispiel nicht gleich Macht. Ein Machtmotiv kann z.B. ein Arzt haben, der Menschen helfen möchte, aber auch ein Chef, der ganz feste Hierarchien in einem Unternehmen pflegt. Unsere Lehrtrainerin Giovanna Eilers hat es ganz schön mit einer Art „Laubhaufen“ beschrieben, die Kuhl zu einer Motiv zusammengelegt hat.

Ich versuche es noch einmal konkret zu machen:

25.09.2020 – 10 Uhr – in einem Raum sitzen 7 verschiedene Personen, die alle an der PSI Weiterbildung teilnehmen möchten – eigentlich machen wir ja alle dasselbe, oder? Von außen betrachtet ja, wenn wir uns aber die Beweggründe anschauen, gibt es Unterschiede.

Und diese wurden in der Vorstellungsrunde deutlich:

„Ich freue mich, hier drei Tage mit anderen Menschen mich auszutauschen, zu vernetzen und gemeinsam etwas Neues zu lernen.“ – Hurra, herzlichen Willkommen Beziehungsmotiv. Ja, da steht auch „Neues lernen“, aber im Vordergrund steht die Zeit mit anderen.

Die nächste Teilnehmerin sagt: „Ich möchte gern im Coaching meinen Klienten weiterhelfen können. Manchmal kommen wir an einen Punkt, wo es nicht weitergeht. Da ist eine Unzufriedenheit, wir finden aber die Ursache nicht. Ich hoffe, dass mir PSI dafür Coachingansätze mitgibt.“ – Und was vermutest du? – Ja, das ist das Machtmotiv. Die Teilnehmerin möchte etwas bewirken, sie möchte Klienten helfen.

Dann ist der nächste Teilnehmer dran: „Ich möchte verstehen, worum es in der Theorie geht. Ich möchte die Zusammenhänge dahinter verstehen. Ich möchte auch einen Diagnostiktest in meinem Portfolio anbieten können“ – Hier zeigt sich klar das Leistungsmotiv, sich selbst verbessern, seine Fähigkeiten ausbauen und Neues lernen.

Und dann ergänzt die nächste Teilnehmerin: „Ich hatte einfach Lust darauf, möchte mehr über mich erfahren – mir macht es einfach Spaß mich weiterzubilden, ich bin da in meinem Flow.“ – Dahinter versteckt sich das Freiheitsmotiv. Hier geht es vor allem um die eigene Selbstverwirklichung, unabhängig von anderen – das eigene Wachstum für einen persönlich steht im Vordergrund.

Ganz schön spannend – wir machen alle dasselbe, aber doch aus einem anderen Antreiber heraus.

Gleich geht es noch ein Stückchen weiter. Aber überlege doch einmal selbst, weshalb machst du bestimmte Dinge: Weshalb machst du zum Beispiel Sport? – weil du dort andere Menschen treffen kannst, weil du dich mit anderen messen und in den Wettkampf treten kannst, weil du dort deine Leistungen verbessern und dich immer wieder neuen Herausforderungen stellen kannst oder weil du dort einfach in deinem Element bist?

Als wäre das noch nicht genug mit den Motiven, unterscheidet Kuhl noch in unbewusste (implizite) und bewusste (explizite).

Unbewusste Motive entstehen vor allem aus dir heraus und werden überwiegend in offenen Situationen aktiviert. Sie entstehen durch Erfahrungen, vor allem in den ersten Jahren unserer Kindheit. Sie sind zeitlich überdauernde Persönlichkeitsmerkmale, die relativ stabil sind. Sie sind vor allem als unsere Kraftquellen zu sehen.

Bewusste Motive dagegen werden vor allem durch Erwartungen und bewusste Ziele geprägt. Das Verhalten ist eher kurzfristig und eine Reaktion auf spezifische Situationen.

Es kann sein, dass die Motive in einem Konflikt stehen. Vielleicht glaube ich, dass ich zum Sport gehen muss, weil ich ja die anderen im Team nicht hängen lassen kann. Eigentlich ist mir aber eher nach Zeit für mich. Trotz der „Bauchschmerzen“ schleppe ich mich dann zum Training – und damit habe ich den Konflikt zwischen dem bewussten Beziehungsmotiv und dem unbewussten Freiheitsmotiv eine Bühne gegeben, die auf lange Sicht für einen selbst kräftezerrend wird.

Wow, ganz schön komplex – oder? Aber da kommt noch mehr.

Umsetzungsstile – wie komme ich dahin?

Neben diesen Motiven ist in der PSI auch wichtig, wie man diese bevorzugt umsetzt. Kuhl unterscheidet dabei vier verschiedene Umsetzungsstile. Er ordnet sie vier verschiedenen Funktionssystemen unseres Gehirns zu – stell sie dir wie eine Art „Gehirnpalast“ mit vier Räumen vor. Je nach Situation können wir die verschiedenen Räume aufsuchen – wir springen immer wieder hin und her – dabei mögen wir einen Raum mehr, den anderen vielleicht auch weniger. Ganz wichtig, es gibt dabei kein gut oder schlecht. Wichtig ist nur, die eigene Raumnutzung zu kennen, um ggf. Ressourcen und Handlungsalternativen zu entdecken.

So, dann lade ich dich mal in den Gehirnpalast ein.

(1) Das Intensions- oder Absichtsgedächtnis – der rote Raum

Dieses System ist für die Handlungsplanung wichtig. Wenn wir uns in diesem „Raum befinden“, machen wir Pläne, können wir Ziele definieren und logisch denken. Wir lösen komplexe Probleme sehr strukturiert und analytisch. Jede To-Do-Liste entsteht hier.

(2) Objekterkennungssystem – der blaue Raum

Dieses System ist unser Prüfraum. Wenn wir uns in diesem Raum aufhalten, nehmen wir Einzelheiten war, ermitteln Abweichungen und prüfen sehr kritisch. Wir sind wie ein wachsames Reh, das jede Unstimmigkeit spürt.

Diese beiden Räume befinden sich auf der linken Gehirnhälfte, der analytischen Intelligenz. Auf der rechten Gehirnhälfte, der intuitiven Intelligenz, befinden sich diese beiden Räume:

(3) Extensionsgedächtnis – der gelbe Raum

Hier befindet sich unser „Selbst“ – oh, das klingt schon ganz schön mächtig. Wichtig ist, dass hier alle Erfahrungen abgespeichert werden, es ist wie eine Art Bibliothek und je älter wir werden, umso mehr füllt sie sich mit Erfahrungen. Wenn wir in diesem Raum sind, können wir uns selbst wahrnehmen und können auf Erfahrungen zurückgreifen. Auch hier können wir komplexe Probleme lösen, jedoch nicht analytisch, sondern eher kreativ.

(4) Intuitive Verhaltenssteuerung – der grüne Raum

Dieser System ist die Handlungsausführung. Wenn wir im grünen Raum sind, werden wir aktiv und lebendig. Hier werden Absichten umgesetzt und wir folgen hier unseren Gewohnheiten.

Okay – ein ganz schönes Farbenspiel – vielleicht sagst du jetzt auch, ach ja, das kenne ich schon. Denn tatsächlich nutzen auch andere Persönlichkeitstest Farben zur Kodierung, wie z.B. DISG. Aber Achtung, man darf dies nicht miteinander verwechseln.

Und an dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass die PSI Menschen nicht in Kategorien sortiert und keine Schubladen aufmacht. Nein – du bist nicht der „Kritiker“ oder der „Visionär“ – ja, vermutlich bevorzugst du einen Umsetzungsstil mehr als den anderen. Dies ist aber per se weder gut noch schlecht.

Zum Beispiel bin ich froh, dass mein Steuerberater eher einen blauen Umsetzungsstil hat und nicht unbedingt einen grünen, in dem ich oft stecke. Er entdeckt nämlich, wenn eine Rechnung noch nicht bezahlt wurde oder ich mal wieder einen Fehler in der Rechnung habe. Ohne diesen Detailblick von ihm wäre ich aufgeschmissen. Dafür wünschen sich vermutlich meine Teilnehmenden in den Seminaren meine grüne Seite – denn damit kann ich Energie in den Raum bringen, schnell und intuitiv auf Wünsche und Änderungen eingehen und andere begeistern – so dass es nicht langweilig wird.  An der Stelle wäre die Lupe für Bedenken und Schwierigkeiten wohl nicht so günstig.   

Und dennoch ist es auch für mich wichtig, ab und zu mal den blauen Raum zu besuchen: „Was lief heute in dem Seminar gut, was nicht so gut? Woran lag es vielleicht, dass die Teilnehmenden gebraucht haben, bis sie wirklich mit der Aufgabe angefangen haben? Könnte ich vielleicht die Themen in der Reihenfolge ändern? Was müsste ich beim nächsten Mal noch beachten?“ – du siehst also, es braucht alle Räume und die PSI hilft uns auch, dass wir lernen bewusst Räume zu betreten.

PSI – kein bestimmter Typ, aber was bin ich dann?

Worum es bei dieser komplexen Persönlichkeitsdiagnostik geht, ist es, Motive, Umsetzungsstile und auch Muster bewusst zu machen, sie zu reflektieren und daraus Ressourcen und Entwicklungspotentiale abzuleiten.

Deshalb muss ich dich jetzt auch enttäuschen. Nach dem Test gibt es kein Verhaltensprofil und auch keinen Persönlichkeits-Steckbrief zum Ausdrucken – nein, so leicht ist es nicht. Denn entscheidend ist  die Kombination aus Motiven – unbewussten und bewussten -, aus Umsetzungsstilen, aus eigenen Erfahrungen und Kontextbedingungen – daher braucht es ein intensives Auswertungsgespräch.

Dabei schauen sich Coach und Klient gemeinsam die Ergebnisse an, besprechen diese detailliert und stellen so den Bezug zum Alltag her. Daraus wird ersichtlich, wo vielleicht noch unbewusste Ressourcen liegen. Je nach Kontext und der Situation des Klienten kann man dann gemeinsam schauen, welche Entwicklungswege es gibt und wie der Klient dafür die Ergebnisse nutzen möchte.

So, das war jetzt ganz schön viel – daher versuche ich den Nutzen von PSI noch einmal auf den Punkt zu bringen:

  • Reflexion von unbewussten und bewussten Motiven: Manchmal verstecken sich hier große Diskrepanzen, die uns Energie rauben können. Lerne zudem deine persönlichen Antriebskräfte kennen.
  • Reflexion der Umsetzungsstile: Manchmal vermeiden wir einen Stil bzw. fällt es uns schwer in einen bestimmten Raum zu gehen – hier kann man gezielt Entwicklungsmöglichkeiten entdecken.
  • Reflexion der eigenen Selbststeuerungskompetenzen: Neben den Motiven und Umsetzungsstilen wird im Test auch der Umgang mit Stress analysiert, so dass wir auch hier gezielt Ressourcen finden können.
  • Kombination der Ergebnisse: Durch das gemeinsame Auswerten können wir „versteckte“ Ressourcen sichtbar und eigene Stärken konkret benennen. Dies hilft in der eigenen persönlichen Ausrichtung, z.B. im Beruf oder im Privaten.
  • Nutzen der Ergebnisse: Erweiterung der eigenen Handlungskompetenzen, bewusstes Ansteuern der Räume im Gehirnpalast

Und wann ist so eine Diagnostik sinnvoll?

  • Zur eigenen Standortanalyse/ eigenen Reflexion
  • Zur eigenen Selbsterkenntnis,  z.B. bei dem Problem „Eigentlich ist alles gut, aber irgendwie bin ich nicht glücklich“
  • Bei Motivations- und Energieproblemen
  • Reflexion und als Orientierung der eigenen Entwicklung, z.B. bei dem nächsten beruflichen Schritt

Du hast Interesse an ein Coaching und so einer PSI-Diagnostik? Lies dir gern meine Angebote zu Einzelcoachings durch und melde dich bei mir per E-Mail. Wir können gern ein kostenlos Vorgespräch vereinbaren.

Ich werde jetzt im November/Dezember 2020 einen Rabatt auf PSI Coachings geben. Du zahlst lediglich 540€ anstatt 740€ (inkl. MwSt.). Darin enthalten sind die Testgebühren des Impart-Instituts (in Höhe von 60€), meine detaillierte Auswertung inkl. Protokoll für dich und 2x 1,5 Stunden- Auswertungscoaching.

Vom Analogen ins Virtuelle – und was kommt dann?

Vom Analogen ins Virtuelle – und was kommt dann?

Mitte März sind wir auf einmal von der „Analogen Welt“ in die „Virtuelle Welt“ katapultiert worden – die ein oder anderen hatten vielleicht schon einen kleinen Vorsprung, da sie schon ab und zu Homeoffice genutzt haben; manche mussten jedoch erst einmal schauen, wie sie einen Laptop bekommen und auf die Unternehmensserver zugreifen können. Sicherlich waren nur die wenigsten auf ein solch radikales Szenario vorbereitet – auch ich nicht. Daher möchte ich heute meine ersten Learnings und auch Fragen mit dieser virtuellen Arbeit teilen.

Vor genau fünf Wochen ist meine Welt zusammengebrochen. Das Skurrilste an der Sache ist auch noch, dass ich mich zu dem Zeitpunkt für ein paar Wochen so sicher wie schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Ich hatte im Februar ein paar neue Aufträge erhalten und neue Kooperationen aufbauen können, der Ausblick auf das Jahr sah gut aus. Ich habe nach drei Jahren „Entzug“ das erste Mal wieder 14 Tage Urlaub geplant und sogar für drei Tage ein „Luxus“hotel gebucht. Gefühlt war ich nach vieler harter Arbeit, die mir immer Spaß gemacht und mich erfüllt hat, wieder mehr bei meinem Privatleben angekommen – ich war mal wieder mit einer Freundin im Kino oder bei einem Konzert.

Ich war stolz auf das, was ich in den letzten Jahren gelernt, ausprobiert und geschaffen habe, gleichzeitig wurde mir immer mehr bewusst, dass jetzt aber auch mal wieder andere Werte an der Reihe waren. Also blickte ich Anfang März wirklich zufrieden und gespannt auf das kommende Jahr 2020 – mit all seinen Highlights.

Und die Highlights kamen schneller als gedacht – aber nicht wie gewünscht. Am 13. März wurde mir bewusst, dass dieses Corona nicht an mir vorbei geht – und vor allem nicht an meiner Arbeit. Vorher war ich vermutlich noch viel zu sehr in meinem Freudentaumel der letzten Tage, weil ich sie genossen hatte, so dass ich die Gefahr noch nicht wahrgenommen hatte. Nachdem mir aber an diesem Freitag, den 13., alle Aufträge bis Ende April storniert worden und alle meine Coaching-Weiterbildungen vorerst abgesagt worden sind, landete ich mit einer wirklich unsanften auf dem Boden der Realität.

Wie ich die Woche danach erlebt habe, habe ich schon in einem anderen Blogbeitrag zusammengefasst. Heute möchte ich vielmehr meine Erkenntnisse und Learnings aus meiner Arbeit hier teilen, denn die Welt dreht sich weiter – und ich habe wieder mal viel ausprobiert, entwickelt und gelernt – für diese neue „Online-Welt“ – und gleichzeitig frage ich mich natürlich, wie es weitergehen soll: Wie groß wird der Online-Anteil bleiben? Werden die präsenten Begegnungen zurückgehen? Lernen die Unternehmen, die bisher Homeoffice abgelehnt haben, die Vorteile von Remote work schätzen und wollen vielleicht gar nicht mehr zurück? Wie wirkt sich das auf uns als Gesellschaft und auf unsere Arbeitswelt aus? Und wo sehe ich mich darin?

veränderte Kommunikation

Zunächst hatte ich Angst, dass virtuell keine Beziehung zueinander entstehen können. Und ja, die Kommunikation ist definitiv anders. Anders heißt aber nicht unbedingt schlechter. Auch von Kollegen habe ich die Befürchtung „die Dynamik geht verloren – das aufeinander Bezug nehmen und entwickeln von Ideen“. Zum Teil stimmt es auch. Gleichzeitig konnte ich in der „verlangsamten“ Kommunikation viel Positives entdecken. Die Teilnehmenden in Meetings wirken aufmerksamer und fokussierter: „Ist der andere jetzt fertig? Schaltet sich gerade ein anderer ein oder kann ich mich jetzt zu Wort melden?“ – Dieses Entzerren von Wortmeldungen ermöglicht eine gewisse Achtsamkeit, die wir uns zuvor oft gewünscht haben.

Ja, Diskussionen sind deutlich langsamer und „un“dynamischer, sie sind aber vielleicht auch tiefgründiger und präziser – weg vom schnellen Lösen und Diskutieren, hin zum Wahrnehmen und Spüren.

bewusste Wahrnehmung

Auf einmal sitzt man nicht mehr mit 10 anderen Menschen in einem Meetingraum, wo die Führungskraft vorne sitzt und die Agenda durchgeht. Ich kann mich noch sehr gut an das ein oder andere Meeting erinnern: jemand saß am Laptop und beantwortete Mails, der andere blickte mit einem Augen aus dem Fenster und war vielleicht in Gedanken schon beim nächsten Urlaub und ein anderer schrieb nebenbei die Einkaufsliste. Irgendwie waren wir alle da und gleichzeitig auch nicht.

Wie ist es jetzt im virtuellen Raum? Auf einmal sieht man 10 große Gesichter, die man ganz genau anschaut. Man merkt, wenn bei dem anderen eine Person den Raum betritt, auch wenn diese nicht auf dem Bildschirm erscheint. Man sieht, wenn der andere mit etwas anderem abgelenkt ist. Wann haben wir schon einmal so bewusst in all die Gesichter unserer Kollegen geschaut? Wann haben wir mal das flüchtige Stirnrunzeln bei einem Thema bemerkt oder auch ein zartes, zustimmendes Zunicken? Oder wann haben wir mal gesehen, wie müde die Augen unseres Gegenübers wirklich aussehen? – Auch wenn ein Großteil der Körpersprache, wie zum Beispiel die Haltung, wegfällt, entsteht auf einmal eine sehr fokussierte Wahrnehmung. Vielleicht lernen wir gerade, Gesichter noch viel besser lesen zu können, denn meist können wir dahinter nicht unsere Meinung verbergen.

Ganzheit

Neben dieser bewussten Wahrnehmung des Gesprächpartners zeigt sich noch viel mehr – nämlich auch das Umfeld: Wie lebt eigentlich unser Kollege? Welche Rollen erfüllt eher außerhalb des Unternehmens? Was beschäftigt ihn eigentlich?

Auf einmal werden beim Call schnell man die Windeln und die Unterhose gewechselt, ein Kind mit einem Spielzeug versorgt oder dem Postboten schnell die Tür geöffnet, weil eine wichtige Bestellung kommt. Oder wir sehen im Hintergrund einen kleinen Pokal und erfahren ganz nebenbei, dass derjenige in seiner Freizeit eine Jugendmannschaft trainiert.

Wir erhalten auf einmal ein viel ganzheitlicheres Bild – der Teampartner ist nicht mehr nur jemand, der sich um die Zahlen kümmert und uns auf die Finger haut und uns ermahnt, sie oder er ist auch noch Mutter oder Vater, jemand, der im Sommer gern in die Berge fährt und am Samstag am Feldrand steht und die eigene Mannschaft anfeuert. Und es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, dass diese Person beim Betreten des Büros all diese Rollen ablegt – genauso, wie die Rollen jetzt in der virtuellen Welt erscheinen, erscheinen sie auch im Büro, nur vielleicht für uns nicht so bewusst. Vielleicht war manche Abwesenheit nicht das Desinteresse an unserem Thema, sondern die Sorge um das fiebernde Kind zu Hause? Vielleicht war manche Überreaktion bei einem Konflikt nicht ein Unwillen sondern eine Gereiztheit, weil es gerade Stress zu Hause gab?

Das heißt nicht, dass wir alles zukünftig akzeptieren müssen, vielleicht können wir manches aber anders wahrnehmen und dadurch auch nachvollziehen und somit eine Brücke bauen.

veränderte Meetingkultur und Prozesse

Mit dieser Ganzheit zeigt sich gleichzeitig, dass es auch noch andere wichtige Dinge gibt. Auf einmal wird das Gut „Zeit“ bedeutsamer. Aufgrund von Kinderbetreuung, Kurzarbeit und Mehrfachbelastung wird immer häufiger gefragt, wer eigentlich wann und wie an einem Meeting teilnehmen muss. Zudem zeigt sich gerade, dass manche Entscheidungen einfach schnell und pragmatisch getroffen werden müssen. Auch wenn die VUCA-Welt schon früher da war, haben wir sie manchmal in den Köpfen verdrängt – so haben wir manche Entscheidung von Meeting zu Meeting geschleppt und gefühlt in einer Dauerschleife gefangen. Jetzt wird es jedoch bewusst, dass manche Dinge einfach entschieden und ausprobiert werden müssen – herzlich Willkommen in der Welt des „try and error“. Auf einmal können Dinge umgesetzt werden, ohne dass noch fünf weitere Köpfe es abnicken müssen. Auf einmal muss man nicht unbedingt mehr in jedem Meeting sitzen, sondern kann im Nachhinein das Protokoll lesen und gegebenenfalls noch einmal Bedenken äußern.

Sind wir jetzt vielleicht ein paar Schritte auf dem Weg der Selbstführung und Selbstorganisation gegangen?

Anstrengung

Wenn man das alles so liest, könnte man ja meinen, wir könnten dankbar sein, dass wir jetzt endlich in die virtuelle Welt geholt worden sind – wollen und sollten wir dann eigentlich wieder zurück ins Büro und unser Traumschloss zu Hause verlassen?

Neben all diesen positiven Veränderung zeigt sich aber auch was anderes: Isolation, Müdigkeit und Erschöpfung. Vor allem in den letzten Tagen habe ich vermehrt „ich bin online müde“ gehört. Es ist einfach anstrengend die ganze Zeit auf einen Screen zu schauen und den Fokus dabei zu haben. Es ist einfach anstrengend, wenn man jede Frage in einer Mail beschreiben oder einen Kollegen anrufen muss und nicht mal schnell den Büronachbarn fragen kann. Es ist anstrengend, wenn ein Online-Meeting nach dem anderen läuft und man nur noch per Tastdruck den Raum wechselt und nicht zwischendurch mal die Treppe läuft und in der Kaffeeküche ein nettes Hallo hört.

Auch früher haben wir schon oft auf den Bildschirm gestarrt und das hektische Tippen von wichtigen Zahlen und Texten als Höchstleistung wahrgenommen. Gerade hatte ich aber den Eindruck, dass durch Achtsamkeitsthemen und Reflexion immer mehr Unternehmen auch „digital detox“ versucht haben – sei es durch Yoga in der Mittagspause, einen Raum der Stille oder handyfreie Meetings.

So sehr die Digitalisierung und sozialen Medien uns jetzt die Verbindung zueinander ermöglichen, so sehr fordern sie gerade auch Energie und Kraft von uns, denn jetzt gibt es Yoga vor dem Screen und den Afterworkdrink nicht an der Spree, sondern vor dem gespiegelten Bildschirm.

Verlust des Informellen

Und da gibt es noch etwas, weshalb ich so sehr hoffe, dass wir uns nicht in das „Remote arbeiten“ verlieben. Ich merke es so sehr in meinen Online-Angebote. Früher haben sich die Teilnehmenden von Workshops in den Kaffeepausen ganz informell unterhalten. Manchmal haben sie noch einmal einen Punkt aus der Session davor vertieft, manchmal haben sie aber auch einfach mal nur ein privates Gespräch geführt und sich dadurch auf einer anderen Ebene kennengelernt. Und das fehlt jetzt komplett – nicht nur in Workshops und Trainings, auch im Büroalltag. Sei es der Plausch in der Kaffeeküche, wo man ab und zu mal einen neuen Kollegen kennengelernt hat, oder das Networking in der Kantine, weil man mit dem Vordermann ins Gespräch kommt.

Vielleicht vermisse ich das so sehr, weil ich selbst eine überzeugte Netzwerkerin im Unternehmen war und es jetzt immer noch bin. Ich glaube, dass durch spontane Begegnungen so vieles entstehen kann – so oft habe ich es erlebt, dass mir ein Unbeteiligter auf der Büroetage genau den richtigen Impuls mitgeben konnte, nur weil ich ihm nebenbei von meinem Projekt erzählt habe.

Es ist auch nicht nur das Fortkommen und Entwickeln von Ideen, es ist auch eine Art Wertschätzung, die uns dadurch verloren geht – die kleinen Gespräche zwischendurch haben uns Aufmerksamkeit geschenkt und das ein oder andere anerkennende Lächeln, mit dem wir nicht gerechnet haben und weshalb es umso bedeutsamer war.

Was können wir mitnehmen?

Deshalb glaube ich, dass wir gerade sehr viel lernen und dazu gewinnen können und gleichzeitig auch merken, was für uns vielleicht vorher selbstverständlich war und was jetzt fehlt. Daher appelliere ich, dass wir all das bewusst wahrnehmen und damit „arbeiten“ sollten.

Vor fünf Wochen sind wir von einem Modus in den anderen geschmissen worden und mittlerweile ist uns allen vermutlich bewusst, dass es kein zurück mehr in den „alten“ Modus geben wird. Wir können jetzt also die Chance und die Zeit nutzen, uns ganz bewusst darüber Gedanken zu machen, wie wir bewusst in den Modus 3 wechseln wollen – denn dann wäre es ein Gewinn, wenn wir wirklich eine Symbiose aus beiden Welten herstellen und dabei die Vorteile miteinander verbinden würden.

Daher schaut gemeinsam im Team und in eurer Arbeit, was sich gerade zeigt und wie ihr damit umgehen wollt:

  • Was hat sich durch die Homeoffice-Arbeit verändert oder verstärkt? Was ist vielleicht aber auch weggefallen oder gleichgeblieben? Was ist neu entstanden?
    Schaut einmal bewusst offen und ehrlich auf alle Ebenen – auf die innere und die äußere – auf Haltungen und Kultur sowie auf Verhalten und Prozesse/Strukturen.
  • Wie nehmt ihr diese Veränderungen wahr? Eher positiv oder negativ? Was unterstützt euch in eurer Arbeit, was eher nicht? Was würdet ihr euch noch wünschen?
  • Stellt euch dann auch vor, dass ihr „eurer Reisegepäck“ für den Modus 3 packen könnt: Welche Errungenschaften, Routinen und Qualitäten aus der Corona-Zeit möchtet ihr mitnehmen, was möchtet ihr zurücklassen und was möchtet ihr vielleicht noch „einkaufen“, um für die kommende Reise gewappnet zu sein?

Ich glaube, dass wir gut in die Reise starten können, wenn wir zunächst unseren „Standort“ checken und das Reiseziel ins Navigationsgerät eintragen – und dann kann es losgehen – auf einen Weg, der sicherlich kurvenreich und spannend wird.

Und wie können wir jetzt gut zusammenarbeiten?

Da es sicherlich aber noch ein wenig dauert, bis wir wieder in unsere Büros zurückkehren können, möchte ich an dieser Stelle noch sechs Tipps für eine gute „Virtuelle Zusammenarbeit“ mitgeben, denn ich habe in den letzten Wochen sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht:

  1. Auch in offline Meetings war es schon immer gut, wenn es einen Moderator gab, der darauf geachtet hat, dass alle eingebunden sind und man beim Thema bleibt. Ich glaube, dass dies jetzt im virtuellen Raum noch wichtiger geworden ist. Bestimmt daher einen Moderator und besprecht vorher ein paar Rahmenbedingungen, z.B. Handzeichen für Zustimmung, Bezugnehmen, Einwand und ähnliches.
  2. Neben dem Moderator empfehlen sich auch noch weitere Rollen, wie z.B. Energiewächter, Zeitwächter oder Themenwächter. Die Personen achten dann neben ihrer eigenen Beteiligung noch besonders auf diesen Aspekt und können ein Zeichen geben, wenn die Energie gerade abrutscht und eine Aktivierung passend wäre oder wenn man sich zu sehr in Themen verfranzt.
  3. Probiert euch aus und spielt mit Tools. Verwendet Collaboration-Programme, wie z.B. Miro oder Mural; nutzt Umfragen und Abstimmungsapps oder bringt Schwung in die Sache, indem ihr einfach den nächsten, der reden „muss“, nominiert.
  4. Auch wenn wir jetzt virtuell kommunizieren, muss nicht alles virtuell erfolgen. Schreibt auch einfach mal mit einem dicken Filzstift auf Zettel haltet dann eure Notiz für alle in die Kamera oder zeigt durch Hochhalten von Karten, z.B. mit diesen, eure Meinung – spielt mit dem Analogen und Digitalen. Vor allem in Coaching-Workshops merke ich, dass es gut ist, wenn die Teilnehmenden mal ein ausgedrucktes Arbeitsblatt ausfüllen, weil sie dann für eine kurze Zeit nicht auf den Bildschirm starren müssen. – Werdet also kreativ und probiert euch nach der Devise „Mix it, baby“ aus.
  5. Da die virtuelle Welt für Kopf und eigenem Energieakku kräftezerrend sein kann, solltet ihr achtsame Praktiken einbinden. Beginnt vielleicht einmal ein Meeting mit paar Minuten der Stille oder einem „Präsenz-Check In“, bei dem alle Beteiligten einmal kurz in einer Prozentzahl einschätzen, mit wie viel Energie und Präsenz sie gerade da sind.
  6. Achtet auf die Pausen, plant nicht ein Meeting an das andere. Lasst dazwischen 15 Minuten Zeit, so dass ihr vielleicht wirklich mal die Treppen im Hausflur hoch und runter gehen und den Kopf frei bekommen könnt. Das sorgt für neue Energie und Klarheit.
    Versucht auch informelle Treffen irgendwie zu ermöglichen. Meldet euch abteilungsübergreifend zum virtuellen Lunch an und lasst euch dann per Zufallsgenerator mit 2-3 anderen Personen in einen kleinen Gruppenraum schmeißen – so lernt ihr auch andere Personen im Unternehmen kennen und könnt euch vielleicht mal mit ganz neuen Gesichtern austauschen.

Eigentlich schwirren noch viel mehr Gedanken in meinem Kopf rum, z.B. wie wir die Ideen des New Work in der Coronazeit erleben können – ich glaube aber, dass es dafür einen neuen Blogbeitrag braucht – denn auch ich muss und möchte darauf achten, dass die Laptopzeit nicht ins Unermessliche steigt.

Achterbahn der Gefühle – Endstation: Natur

Es ist alles so surreal. Der Frühling drängt sich auf, die Sonne scheint und eigentlich schreit alles nach Leben da draußen. Gleichzeitig passiert gerade was ganz anderes in unserer Welt. Die Straßen in Berlin gleichen einer Geisterstadt. Es riecht nach Angst und Panik. Gleichzeitig ist da aber auch ganz viel Verbundenheit – eine Vorsicht unter den Menschen, ein mitfühlen und sorgen.

Vor einer Woche war meine Welt noch in Ordnung

Es kroch sich ganz langsam in meinen Alltag. Die ersten Menschen sprachen davon. Die ersten waren besorgt: „Dürfen wir uns noch treffen? Dürfen wir uns noch umarmen? Wir müssen jetzt was machen?“ – Zu dem Zeitpunkt habe ich es noch nicht verstanden – oder vielleicht auch nicht wahrhaben wollen. Es waren die ersten Anzeichen von Corona – einem kleinen Virus, der so ganz abstrakt erscheint. Ich wog mich noch in meiner Sicherheit, ich genoss noch meine ersten Erfolge meiner Selbstständigkeit und die ersten „halb“freien Tage nach einer sehr anstrengenden Zeit.

Ich habe mich auf den Frühling gefreut, mir ein rotes langes Kleid gekauft, die Jeansjacke schon aus dem Kleiderschrank geholt und mich schon mit dem ersten Aperol Spritz mit meinen Mädels an der Spree gesehen. Ich war davon überzeugt, dem Genuss wieder mehr Raum in meinem Leben zu geben. Auf meinem Visionboard für dieses Jahr strahlt in der Mitte „Aufblühen und Wachsen“ – und genau das habe ich mir fest vorgenommen. Endlich die Früchte meiner harten Arbeit zu ernten, endlich wieder einen Gang runterschalten nach einer langen Zeit nach Verzicht. Endlich mal wieder Wochenenden, endlich mal wieder Urlaub. So machte ich meine Pläne – zwei Wochen im Sommer und zwei Wochen im Oktober. Es sollte in die Berge gehen – acht Tage mit einer Freundin von Hütte zu Hütte und danach die pure Gönnung. Beim Buchungsklick für das Wellnesshotel im Anschluss des Trekkings musste ich mir lange zureden: „Ja, es ist viel Geld, aber du darfst das jetzt mal genießen, du hast es dir verdient.“ – Klick und ein pures Glückgefühl schoss durch meinen Körper. Oh yes, ich sah

mich schon mit Cappuccino im Garten am Pool liegen und einfach nur im Moment zu sein.

Ich wusste, bis dahin ist es noch eine lange Zeit, bis dahin warten noch etliche Aufträge – und dennoch freute sich mein kleines Kind in mir schon wahnsinnig – als würden Weihnachten und Ostern auf einmal zusammenfallen. Ich habe es geschafft. Ich war stolz auf das, was ich in einem Jahr gewuppt habe. Ich hatte nicht nur die Ziele für das Jahr geschafft, nein, ich hatte teilweise schon meine 3-Jahresziele erreicht.

Stolz bin ich immer noch, aber …

Eine Woche später saß ich dann gestern in dem Zug, um in den Bungalow meiner Mum nach Mecklenburg zu fahren – ich brauche ein Auszeit, Luft zum Atmen und Ruhe, um Klarheit zu gewinnen. Gerade bin ich auch unfassbar dankbar, dass ich diese Möglichkeit jetzt habe, denn in Berlin in meinen eigenen vier Wänden würde ich wohl durchdrehen. Daher danke Mama, dass du gerade so sehr für mich da bist und ich weiß, dass du jetzt diese Zeilen liest.

Auf der Fahrt las ich dann auch auf einmal eine Mail von Paypal. Mein Dad hat mir 100€ geschickt, mit dem Kommentar „Zum Renovieren“. In dem Moment flossen mir die Tränen. Ich war tief berührt und gleichzeitig dachte ich: „Ich darf mir jetzt nicht ins Gesicht fassen und die Tränen wegwischen, du könntest das Virus an den Händen haben“. In dem Moment wurde mir eins bewusst – ich habe in dem letzten Jahr viel mehr erreicht, als ich mir jemals vorgestellt habe, und gleichzeitig stehe ich jetzt hier und habe gefühlt weniger als vor einem Jahr. Schon irgendwie ein Paradox.

7 Tage, die mein Leben komplett verändert haben

Aber zurück auf Anfang. Freitagvormittag kroch auch bei mir langsam die Unruhe hoch – was ist mit deinen Trainings, was ist mit deinen Aufträgen? Ich wusste, dass ich dies nicht mehr verdrängen konnte. Zwei Stunden und ein paar Telefonate später war klar – bis Ende April ist alles abgesagt. Viele Trainings und ein hoher Verlust. – Quasi war ich ab diesem Moment „arbeitslos“.

Nächste Haltestelle: Schock und Verdrängung

Dies war das Startsignal für die Achterbahnfahrt. Erste Haltestelle Schock. Das kann nicht sein. Hilfslosigkeit brach in mir aus. Vor meinen Augen floss all mein Erspartes weg. Das, was ich die letzten drei Jahre zurückgelegt habe, um einen Puffer aufzubauen und Sicherheit zu ermöglichen. Das, wofür ich immer wieder zu meinen Freundinnen „das kann ich mir nicht leisten“ oder „können wir nicht zu Hause selbst kochen“ gesagt habe. Das, wofür immer ein inneres Konto beim Einkaufen im Kopf mitlief und „Nein“ gesagt hat. Von jetzt auf gleich war das in meinem Kopf auf einmal weg.

Ich wollte es aber nicht wahrhaben. Der Schock musste raus, die Stunde beim Crossfit hat aber nicht gereicht. Da war die Frühstückseinladung von guten Freunden am Samstag Balsam für die Seele, sie wollten mich aufbauen. Und am Sonntag begrüßte ich den Frühling mit einer kleinen Radtour – als ginge das Leben weiter und mit Aperol Spritz am Wasser. Ja, ich versuche zu verdrängen. Ich versuchte den Kopf auszuschalten. Es gelang mir auch, aber leider nur für paar Stunden. Oder vielleicht auch zum Glück.

Und weiter zur Einsicht und Akzeptanz

Ich konnte nicht mehr klar denken. Ich wachte morgens mit Kopfschmerzen auf. Und da war noch was in meinem Körper: unfassbare Leere – eine Leere, die ich seit einem Jahr nicht mehr gespürt habe. Und so wurde mir am Montag noch viel mehr bewusst. Nein, ich hatte nicht nur einiges an Geld „verloren“, ich hatte noch viel mehr verloren – gefühlt meine Existenz. Ich liebe meinen Job; ich liebe es, Menschen zusammenzubringen; ich liebe es, Menschen zu bestärken; ich liebe es, Entwicklungen zu unterstützen – das hat mich ausgemacht, das hat meinen Alltag ausgemacht. Ich hätte in dem letzten Jahr nicht so viel erreicht, wenn ich nicht so viel Herzblut und Zeit in mein Business investiert habe. Ich habe für meinen Job gelebt. Aber jetzt war da nichts mehr, wofür ich hätte arbeiten können. Es war also nicht nur das Geld weg, sondern auch mein Sinn. Meine Aufgabe, die mich glücklich macht.

Ja, natürlich gab es auch noch was anderes in meinem Leben, neben dem Job. Meine Freunde. Wie gesagt, ich liebe es mit Menschen zusammen zu sein. Daher habe ich mich gern und viel mit Freunden getroffen. Aber auch das war vorbei – stattdessen war soziale Isolation im Programm und ich merkte schon jetzt, wie sehr ich eine Umarmung vermisse.

Was mir aber auch bewusst wurde, dass ich die Augen nicht mehr davor verschlissen konnte. Mein Leben war weg und es würde so in der Form auch nicht wiederkommen. Der Virus hat die Welt verändert und das hoffen, dass man den nächsten Morgen aufwacht und alles nur ein schlechter Traum war, war auch nicht mehr möglich.

Und ja, genau für solche Situationen und Zeiten bin ich Coach. Genau in solchen Phasen unterstütze ich Menschen und auf einmal befand ich mich auch direkt in dieser Fahrt – in der Fahrt der Veränderung; auch wenn ich eigentlich nicht einsteigen wollte.

Wie sagte Epiktet aber so schön: „Es sind nicht die Dinge an sich, die die Menschen erschüttern, sondern die Sicht auf die Dinge.“

Toll, klingt gut, der Verstand versteht es auch, das Herz aber nicht. Und so stand ich dann in meiner Wohnung und wusste nicht mehr wohin mit mir: In Berlin bleiben? Zu meiner Familie nach Thüringen fahren? Oder doch in den Bungalow nach Mecklenburg? Meine Entscheidung ändert sich im Minutentakt – wie eine Uhr, die immer wieder das Ziffernblatt weiterdreht.

Ich muss hier raus …

Mir wurde aber bewusst, dass ich raus aus Berlin musste – ich brauchte Luft zum Atmen. Ich brauchte Weite anstatt die Aussicht auf die Häuserfassade im zweiten Hinterhof. Es fühlte sich schon jetzt wie ein Gefängnis an.

Als ich die Entscheidung getroffen habe, fühlte es sich frei an und gleichzeitig merkte ich, wie schwer es mir ums Herz wurde. Gefühlt lies ich auch das letzte los, was ich noch aus meinem „alten“ Leben hatte – mein gewohntes Umfeld, meine Wohnung.

So schnürte ich meine Laufschuhe – das tat mir schon immer gut. Ein letztes Mal noch einmal ans Wasser. Kopf ausschalten. Ruhe genießen.

Und dann krochen sie langsam hoch in meinen Kopf – die ersten Ideen. Die ersten Dinge an was Neues. Glücklicherweise bin ich ein Mensch, der sich schnell für etwas begeistern kann und das dann auch immer sofort teilen muss. Mein Glück, denn so musste sich meine Mum meinen Sprudel an Optimismus per Sprachnachricht anhören. – Mein Glück, denn so schnell der Sprudel gekommen ist, ist er auch wieder verschwunden, aber die Sprachnachricht war noch da. Sicher im Chatverlauf. Die Kugel auf der Veränderungskurve zum „Öffnen für Neues“ hatte noch nicht genug Schwung und rollte somit zur Akzeptanz zurück.

Ich brauchte also Ruhe. Klarheit. Neue Energie.

Die Fahrt zu mir …

Und so habe ich mich gestern Vormittag in einem leeren Zugwaggon wiedergefunden. Mit 2 Koffern, einer Tasche und einem riesigen Backpacking-Rucksack. Zumindest mein halbes Bücherregal wollte ich mitnehmen – irgendwie gehört es zu meinem Job und es fühlte sich richtig an, wer weiß, welche Ideen da draußen auf dem Land entstehen. Und als ich in dem Zug saß, wusste ich: „Nie wieder beschwere ich mich über zu volle Züge. Bevor ich so viel Platz für mich allein habe, atme ich lieber Luft ein, die schon hunderte vor mir ein und ausgeatmet haben. Nie wieder möchte ich unter diesen Umständen Zug fahren.“

Drei Stunden später war ich dann angekommen. Der Kühlschrank gefühlt. Die Taschen ausgepackt. Der erste Milchkaffee mit viel Schaum gemacht. – So saß ich dann allein mit mir auf der Terrasse und die Sonne schien, als wäre nichts passiert. Die Vögel zwitscherten. Das Leben ging weiter.

Und so langsam legte sich auch in mir der Sturm. Ich lies mich auf den Gesang der Vögel ein – als wäre es ein Wiegelied, um ein Kind zur Ruhe zu bringen.

Mit dieser Ruhe kam dann auch die Klarheit. Ich konnte das erste Mal in Ruhe auf die letzten Tage zurückblicken und meine Achterbahnfahrt erkennen. In dem Moment musste ich lächeln: „Klasse, so eine richtig schöne Veränderungskurve wie aus dem Bilderbuch. Theorie bestätigt.“ Damit stellte sich bei mir auch das Vertrauen ein, denn nach Schock – Verweigerung – Einsicht – Akzeptanz geht es eigentlich wieder bergauf. Eigentlich, denn mir ist schon klar, dass meine Kugel auf dieser Kurve immer wieder hin und her rollen wird.

Ich bin dankbar…

Und dennoch bin ich auch dankbar. Vielleicht klingt es etwas übertrieben. Ja, ich hätte auch gut und gerne auf diese Viren-Monster verzichten können. Ich habe mein Leben geliebt, aber ich liebe es auch immer noch.

Mir ist aber einiges bewusst geworden:

  • Neben der finanziellen Existenz hat mich die Sinnleere bedroht. Und das heißt, dass ich bisher und auch in Zukunft ein besonders großen Schatz habe: ich mache etwas, was mich wirklich erfüllt. Ich habe in meinem Leben etwas gefunden, was mich wirklich glücklich macht. Allein dieses Wissen ist schon viel Wert.
  • Ich habe für mich erkannt, dass mein Sinn auch jetzt lebt. Ich möchte Menschen zusammenbringen; ich möchte, dass Menschen über sich hinauswachsen. Und genau das passiert gerade in der Krise. Vielleicht nicht unbedingt durch mein aktives Tun, aber durch das Handeln in der Gemeinschaft. Somit fällt es mir gerade auch leichter, dem Schmelzen auf meinem Konto zuzuschauen, denn gleichzeitig weiß ich, dass dies meinem Sinn zugutekommt.
  • Auch wenn meine Teamentwicklungsausbildung und mein eigener Coachingprozess abgesagt wurden, habe ich in den letzten Tagen sehr viel über mich selbst erfahren. Ich habe gelernt, wie stark mich die Existenzfrage immer wieder einholt. Ich habe aber auch gelernt, dass ich in den letzten Jahren persönlich stark geworden bin. Ja, es ist gerade eine beschissene Zeit – dennoch kann ich durch die Selbstführung in mir Halt finden, auch wenn der äußere Halt gerade wegbricht.
  • Und ich weiß jetzt, warum Online an sich nicht mein Ding ist. Es geht mir nicht per se, um das Medium. Mir ist aber ein Bedürfnis meiner Arbeit ganz bewusst geworden. Ich habe mich bisher gegen Onlineangebote gesträubt, weil ich in Trainings und Workshops Wissen nicht doziere. Das ist nicht mein Verständnis von Pädagogik. Vielmehr möchte ich Erfahrungsräume schaffen, wo Menschen sich begegnen und durch Übungen Dinge praktisch erleben können. Reflexion von Erfahrungen ist so viel wichtiger als Theorie. Und momentan sehe ich hier noch Grenzen in der digitalen Umsetzung. Nichtsdestotrotz konnte ich bei einem ersten virtuellen Impulsabend, den ich mit einer Kollegin gegeben habe, erleben, dass dennoch Verbundenheit möglich ist. Und vielleicht ermöglicht die „Distanz“ Menschen sogar, sich mehr zu öffnen, weil sie sich gefühlt, sicherer fühlen. Vielleicht aber auch nicht. Zum Glück sind wir ja alle unterschiedlich.
  • Und es gibt noch einen Punkt. Dieses ist nicht Pessimismus oder ein Fallen lassen – vielmehr ist er für mich Realismus und wahre Begegnung mit mir selbst. Ich sehe, dass ich vieles in den letzten Jahren investiert habe. Und ich bin sehr stolz und dankbar dafür. Ich sehe, dass ich dafür auch auf vieles verzichtet habe – meine Familie hat mich kaum gesehen, ich habe manche Hobbys vernachlässigt, ich habe keine Beziehung. Das war auch immer okay für mich, es war meine Entscheidung und ich wusste auch immer, wofür ich es mache. Auch wenn mir Freunde gerade Mut machen möchten, dass ich es immer wieder schaffen werde, meine Selbstständigkeit aufzubauen, auch wenn ich jetzt alles verlieren würde – weiß ich gerade ganz klar, dass es für mich nicht eine Frage des Könnens ist, sondern des Wollens – eine Frage der Priorität und der Werte.

Das heißt jetzt aber nicht, dass für mich das Buch der Selbstständigkeit geschlossen ist. Momentan befinde ich mich noch im Drama, im Hauptteil – und welches Happy End es geben wird, das wird sich wohl in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Und ich bin mir im Klaren, dass ich dabei als Autorin einen ganz großen Beitrag leisten kann.

Und wenn ich jetzt so auf die Zeilen blicke, war das ganz schön viel für die letzten Tage – in jedem Schlechten liegt wohl auch was Gutes. Und jetzt werde ich erst einmal die Tage hier auf dem Land genießen, zur Ruhe kommen, mir Zeit für mich nehmen und Ideen schmieden – auf unbestimmte Zeit.

Und wenn ich wieder zurück nach Berlin komme, werde ich wohl meine Wohnung noch neu streichen, denn das war zwischendurch eine Ablenkungsidee, die gar nicht mal so schlecht war. Die Wände hätten es nötig – das Geld für die Farbe habe ich ja jetzt, also danke Papa. Und danke Mama, dass du gerade für alle Zoom-Versuche als Testperson zur Verfügung stehst, damit ich meine Online- Ideen auch ausprobieren kann, und gleichzeitig dabei mir auch Mut machst. Danke, dass es euch gibt – an all meine Freunde und meine Familie.

Und damit ich mich hier nicht allzu sehr „einsam“ fühle, übe ich nicht „soziale Distanz“, sondern nur körperliche Distanz aus – daher gebe ich jetzt einmal mit Suanne in der Woche das virtuelle Café der Fragen  oder Online-Mini-Workshops, zumindest solange, bis sie wieder offline stattfinden können. Oder ich zoome mit guten Freunden oder coache online meine Coachees. Es ist halt doch immer eine Frage der Perspektive und aus der Akzeptanz heraus blickt es sich schöner als aus dem Schock.