Zeit - offen über Zeit zu reden

Romy Möller
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Was bedeutet Zeit? Wie viel Zeit haben wir? Und haben wir ein Zeitproblem? – Immer wieder höre ich den Satz „Wenn ich mehr Zeit hätte …“ und immer öfter lese ich „Man muss nur die richtigen Prioritäten setzen“ – beide Sätze kenne ich sehr gut und beim letzten wird mir öfter wirklich mulmig.

Ich nehme mir Zeit – setze Prioritäten und setze den Fokus auf das, was mir wirklich wichtig ist. So saß ich gestern Morgen mit meinem Kaffee morgens um 7.00 Uhr im Bett und habe gelesen. Dieses Ritual habe ich schon seit ein paar Jahren, da ich ansonsten im hektischen Alltag kaum zum Lesen komme. Zudem genieße ich es auch, so entspannt mit guten Gedanken in den Tag zu starten. Einfach nur 10- 15 Minuten für mich und meine Inspiration.

Diesmal las ich einen Artikel – ein Artikel zum Thema Zeit.

Prioritäten und Struktur

Wofür nehme ich mir Zeit? Warum nutze ich meine Zeit nicht richtig? Wie schaffen es andere?

Und während ich den Artikel so lesen, in dem ich auch immer wieder Aussagen von mir selbst erkannte, beschlich mich ein ungutes Bauchgefühl und mir wurde klar, dass ich ein paar offene Zeilen zu unserem Zeitproblem verfassen muss.

In dem Artikel ging es darum, dass eine Frau sich fragte, wie andere immer mehr schaffen, dass sie kaum noch Zeit für Hobbys und die Dinge hat, die ihr wichtig sind. Und so fragte sie sich, wie es ihre Freundin schaffte, neben ihren Kindern, ihrer Arbeit und noch ein sehr ausfüllendes Freizeitleben zu führen.

Die Antwort war kurz und knapp: Prioritäten und Struktur.

Die Woche vorplanen. Das Essen vorkochen. Die Wäsche hinlegen. Termine einplanen. ….

Oh ja, dies kannte ich.

Rückblick.

Sommer 2012.

Ich war gerade im letzten Jahr meines Studiums. Staatsexamensarbeit. Vorgezogene Staatsexamensarbeit. Eher 20-30 Stunden wöchentlich im Studentenjob statt der 10 vertraglich vereinbarten. 4-5mal die Woche Sport und dann eher zwei statt einen Gruppenkurs. Freunde treffen. Feiern gehen.

Ich genoss mein Leben. Ich sprang zwischen all den Terminen hin und her.

Bis zu einem Moment. Oktober 2012. Eine Weisheitszahn-OP und eine erzwungene Pause.

Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass das Leben an mir vorbei rauschte. Wie ein ICE, nur saß ich nicht drin. – Endstation.

Dezember 2012.

Ich habe mir Hilfe geholt und mein Heilpraktiker sagte mir ganz deutliche Worte: „Romy, du hast 3 Optionen. Entweder du konzentrierst dich auf dein Studium und machst es jetzt so schnell fertig. Oder du konzentrierst dich auf deine Freunde und deine Freizeit. Oder du machst so weiter wie bisher, nur dann bist du bald im Burnout.“

Und so saß ich da, blickte in meinen pinkfarbenen Filofox und starrte meine Termine vom Sommer an. Ich starrte und starrte, aber sie wurden nicht weniger. Und ich fragte mich: „wie hast du all das geschafft?“. Ich konnte mir die Frage nicht mal mehr in Gedanken beantworten, geschweige in der Realität. – in meinen Augen war es unschaffbar und gleichzeitig hatte ich den Beweis für das Gegenteil. Ich hatte es geschafft. Bis mein Körper die Notbremse gezogen hat.

Wie habe ich es geschafft? Mit Struktur. Mit guter Planung. Und mit Prioritäten. Der einzige Fehler: mir war alles wichtig. – mein Studentenjob? Ja Priorität, also mache ich gern noch die Wochenendarbeit oder die Frühschicht. Mein Studium? Ja klar, Priorität, ich habe mein Thema meiner Staatsexamensarbeit geliebt, man kann auch noch nach 22 Uhr daran schreiben. Mein Sport? – ja, ist wichtig, ich will ja gesund bleiben. Meine Freunde? Ja natürlich, höchste Priorität, das macht das Leben lebenswert. Meine Partys? Oh ja, ich liebe es einfach mal nur die Nacht durchzutanzen.

Alles Priorität. Also alles möglich, wenn man nur wirklich, wirklich will.

Nur eins hatte nicht Priorität in meinem Leben. – Ich und mein Schmerz.

Mein Leben war freudig. Mein Leben war glücklich. Mein Leben war lebendig.

Da gab es keinen Platz für Traurigkeit. Keinen Platz für Schmerz. Keinen Platz für Stillstand.

Dachte ich, bis mich das Leben, oder sagen wir mal, mein Körper, mich eines besseren belehrt hat.

Und ich bin dankbar dafür – denn es hat mich mit mir selbst konfrontiert. In den Sitzungen mit meinem Heilpraktiker habe ich das erste Mal darüber nachgedacht, dass es zwischen Reiz und Reaktion einen Raum gibt. Ich weiß nicht, ob sich mein Leben ohne diese Erfahrung so weiterentwickelt hätte.

Aber es hat nicht gereicht.

November 2017.

Ich stehe an der Supermarktkasse. Ich hatte einen freien Tag. – seit langem mal wieder. Und auf einmal war ich weg – nur für einen kurzen Moment. Aber dieser Moment hat gereicht. Das Gefühl keine Kontrolle mehr zu haben. Ich war verwirrt, wusste es nicht einzuordnen. 5 Minuten später saß ich in einer Apotheke zum Blutdruck messen. „Gehen Sie mal lieber zum Arzt und lassen Sie es dort nochmal überprüfen. Ihr Blutdruck ist ganz schön hoch.“ – Und das mit nicht mal 30 Jahren. Und auf einmal rollten die Tränen. Aus Erschöpfung. Aus Traurigkeit. Aus Ruhe.

Aber es war kein Wunder. Das Pfeifen im Ohr habe ich ausgeblendet. Den Schlafmangel mit noch mehr Action überblendet.

Eins konnte ich nämlich gut: Struktur und Prioritäten.

Ich habe damals meine Coachingsausbildung gemacht – mal wieder kompakt, schnell und intensiv. War ja Priorität für mich. Nebenbei 100% Job, nein – stimmt nicht, denn on top noch ein Mehrarbeitsantrag. 10h pro Woche Fahrtweg. 4 mal zum Crossfit. Und das Leben nicht vergessen.

Es braucht halt Priorität. Und die Priorität lässt einen auch den Wecker auf 5:30 stellen, sie bringt einen auch morgens um 7.00 Uhr vor der Arbeit noch ins Fitnessstudio und lässt einen noch bis 23 Uhr an der eigenen Website arbeiten.

Priorität bringt einen voran, Priorität ermöglichst vieles – vielleicht aber auch zu viel.

Irgendwann wohl doch.

Und ja, genau diese Erfahrungen haben mein ungutes Bauchgefühl geweckt.

Wie viel Prioritäten braucht es noch in unserem Leben? Wie viel Struktur und Optimierung braucht es noch?

Oder braucht es einfach auch mal ein NEIN – weil jedes Nein auch ein JA zu uns selbst vielleicht ist.

Ich glaube nicht, dass wir ein Zeitproblem haben. Wir haben ein Prioritäten- und Erwartungsproblem – Erwartungen, die wir an uns selbst stellen.

Einen guten Job auf Arbeit machen.
Uns gesund und healthy ernähren.
Regelmäßig Sport treiben.
Die perfekte Frau, der perfekte Mann sein.
Die perfekte Mutter, der perfekte Vater sein.
Der/die Freund/in, die man jederzeit anrufen kann und die/der für jeden Spaß zu haben ist.
Uns weiterbilden und hip sein.

Ja, die Liste ist lang.

Aber in meinen Augen fehlt da etwas ganz Entscheidendes: In Liebe zu uns selbst sein. In Fürsorge. In Verständnis.

Ja, wir können das alles sein – aber wir müssen es nicht immer gleichzeitig sein.

Wir müssen nicht noch das meal prep für die Dienstreise am Sonntag machen, wenn wir Montagmorgen 5.00 Uhr mit dem Zug für die nächsten Tage los müssen.

Wir müssen uns nicht noch 22 Uhr in die Laufschuhe quälen, um nach einem langen Arbeitstag wenigstens noch ein bisschen Bewegung zu haben.

Wir müssen nicht, den veganen selbstgebackenen Kuchen mit in die Kita bringen und dafür bis 3 Uhr nachts in der Küche stehen.

Wir müssen nicht unseren Tages- und Wochenplan bis auf die letzte Minute durchstrukturieren wie den Projektplan auf Arbeit, nur um alles irgendwie unterzubekommen.

Aber was wir müssen, ist uns fragen: Wie geht’s mir eigentlich? Was ist MIR gerade wichtig? Was brauche ich?

Balance is the key.

Ich möchte damit nicht sagen, dass gesunde Ernährung, Sport und Freunde unwichtig sind. Nein, im Gegenteil – mir persönlich ist das alles sehr wichtig. Aber es muss sich immer in Balance finden. Wenn ein Teil mal mehr Zeit fordert, darf ein anderer Teil auch mal zurücktreten.

Wenn ich mit meinen Klienten im Einzelcoaching arbeite, starte ich meist mit einer Standortanalyse. Ich frage sie, welche die 5-6 wichtigsten Lebensbereiche momentan für sie sind – z.B. Arbeit, Familie, Freunde, Sport, Reisen, Abenteuer, …

Und dann lasse ich sie dafür Säulen malen. Und in diese Säulen sollen sie eintragen, wie erfüllt sie gerade in dem Bereich sind. Und dann dürfen sie eintragen, wie erfüllt dieser Bereich sein sollte.

Und dann sage ich etwas zu ihnen:

„Stell dir vor, diese Säulen wären ein DJ-Pult und du könntest damit die Töne der Säulen leiser und lauter machen – stell dir jetzt mal vor, wie deine Wunschmusik klingt.“

Und jetzt frage ich dich: Wie klingt deine Wunschmusik? Gefällt sie dir?

Vielleicht haben wir kein Zeitproblem, sondern ein Erwartungsproblem.

Und viele meiner Coachees fragen mich dann noch, ob sie noch eine Säule ergänzen dürfen. Weißt du, welches das ist? – Meist heißt sie Gesundheit oder ICH-Zeit.

Eine Säule, die wir so oft in unserem Leben vergessen.

Was ich noch sagen möchte:

Unser Leben braucht nicht nur Prioritäten und Struktur, es braucht auch Freiraum und vor allem die ganze ehrliche Antwort auf die Frage “Wie möchte ich eigentlich leben?” – es braucht Authentizität.

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