15. Dezember 2022

Absolvent:innen treffen auf Schule

Ein Interview über Bildungsgerechtigkeit mit Sonja Köpke

 

In Folge 30 meines “Leadership to go”-Podcasts habe ich mit Sonja Köpke von Teach First gesprochen. Sonja Köpke ist studierte Grund-, Haupt- und Werkrealschullehrerin.

Teach First entsendet Hochschulabsolvent:innen als sogenannte Fellows an Schulen in sozial herausforderndem Umfeld, wo sie als Vertrauenspersonen und zusätzliche Kräfte Schüler:innen bei Übergängen im Bildungssystem begleiten und unterstützen.

Sonja Köpke hat im Juli 2022 die Geschäftsführung übernommen, nachdem sie sieben Jahre als Leiterin der Region Süd von Teach First Deutschland und drei Jahre als Trainerin für Fellows tätig war. Im Interview sprechen wir über Mut, über Sonjas eigenen Weg, über die Arbeit von Teach First, über die gesellschaftliche Bedeutung von Bildungsgerechtigkeit, weshalb eine Vernetzung von Schule und Wirtschaft so wichtig ist und über vieles mehr.

 

Hier gibt es ein paar Ausschnitte

Warum ist Bildungsgerechtigkeit so ein wichtiges Thema?

 

„Bildungsgerechtigkeit ist ein sehr hoch zu bewertendes gesellschaftliches Thema. Es geht um die Möglichkeit, dass alle Menschen ihr Potenzial ausschöpfen können. Und das bedeutet nicht, dass man alle Menschen gleich behandelt, sondern dass man schaut, was jeweilige Menschen brauchen. Vor allem bei jungen Menschen. Dass man schaut, ob sie ein Vorbild brauchen oder eine andere Perspektive oder auch Vitamin B, damit ein Übergang gelingt. Es geht darum stärkenorientiert vorzugehen und nicht immer nur Defizite zu benennen. Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe, die auch in unseren Grundrechten verankert ist, in unseren Menschenrechten und Kinderrechten. Alle haben ein Recht auf gute Bildung und dürfen ihr Potenzial voll ausschöpfen. Eine echte Perspektive zu haben und das eigene Potenzial zu leben, trägt stark dazu bei, dass es einer Person im Leben gut geht. Und dann kann man auch anderen Menschen viel mehr Gutes tun. Das ist ein hoher gesellschaftlicher Wert, den ich wahnsinnig wichtig finde.“

Was machen die Teach First Fellows genau?

„Fellows sind für zwei Jahre an Schulen im Einsatz. Die Schulen, die wir haben, sind in verschiedenen Städten und Bundesländern. Es geht um Schulen, an denen besonders viele Kinder und Jugendliche sind, die schlechtere Startbedingungen aufgrund ihrer sozialen Herkunft mitbringen und die eine extra Portion Zeit verdient haben. Wir arbeiten eng mit den Ministerien und den zuständigen Schulämtern zusammen. Da suchen wir gemeinsam Schulen aus, die einen Fellow erhalten sollen – mit Blick auf gute Bildung und mit Blick auf Potenzialentfaltung. Bei dem zweijährigen Einsatz geht es darum, im Unterricht zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen. So dass ein Abschluss gelingen kann oder ein Übergang in die nächst höhere Schule oder von einer Willkommensklasse in eine Regelklasse. Unser Thema sind Übergänge und dort werden Fellows eingesetzt. Zum einen in den Kernfächern, die abschlussrelevant sind und die die Basiskompetenzen darstellen für den beruflichen Bildungsweg. Zum anderen sind es aber auch Projekte. Es gibt so viele Themen, die die Kinder und Jugendliche interessieren: Klimaschutz, Demokratie, Berufsorientierung. Dabei geht es um soziale Kompetenzen, um Medienkompetenz und 21st Century Skills – wie kann ich kreativ arbeiten, kritisch denken, mitsprechen? Es geht auch um eine Stimme der Schüler:innen. Vor allem, wenn sie diese Stimme nicht bekommen. Es geht darum, ihre Perspektiven zu zeigen und die Schulen aus einer anderen Perspektive heraus zu unterstützen. Viele Schulleitungen melden uns zurück, dass die Perspektive der Fellows sehr wertvoll für sie ist. So können wir Schulentwicklung mit unterstützen. Das hat sich ganz besonders in den Pandemiephasen gezeigt, zum Beispiel am Thema Digitalisierung an Schulen. Ich war gestern auf einer Veranstaltung und da ging es darum, wie wichtig es war, allen Schüler:innen ein Endgerät zur Verfügung zu stellen. Denn wenn sie keines hatten, konnten sie nicht teilhaben. Das sind Kleinigkeiten, die für viele selbstverständlich sind. Aber an etwas nicht teilhaben zu können, heißt ausgeschlossen zu sein. Und von Bildung ausgeschlossen zu sein ist nie gut. All diese Kleinigkeiten summieren sich und bringen in der Summe dann eine große Benachteiligung mit sich. Das gilt es im Blick zu behalten und zu verändern.“

 

Du hast den Mehrwert für die Schulen angesprochen, durch die neue Perspektive der Fellows. Und auch die Schulentwicklung, die dadurch entsteht. Bei dem Thema Bildungsgerechtigkeit hätte man ja auch bei den Lehrkräften ansetzen können. Mit Teach First bringt ihr Menschen aus der Wirtschaft in die Schulen und das für zwei Jahre. Warum habt ihr euch für diesen Weg entschieden?

„Eine spannende Frage. Es geht im Ursprung darum, Menschen in eine zweijährige Herausforderung zu schicken und sie diese erleben zu lassen. Das ist eine wahnsinnig prägende Zeit für die Fellows und das ist uns auch sehr wichtig. Es ist so berührend und herausfordernd, in ein System zu schauen, das Unterstützungsbedarf hat – und das zu verändern. Das ist auch unser Leadership-Gedanke. Leadership meint, dass man Veränderung angehen kann – als erlernbare Haltung. Und diese Veränderung kann man aus jeder Position heraus angehen und übernehmen. Das ist unser Ansatz, dass wir neue Perspektiven an die Schulen bringen. Die Fellows werden nach den zwei Jahren in das Alumni-Programm aufgenommen und können aus dieser Position heraus Veränderungen angehen und Impulse setzen für Bildungsgerechtigkeit. Und das unabhängig davon, ob sie im Bildungssektor bleiben, in die Politik gehen oder in die Wirtschaft. Egal in welcher Position, sie nehmen das mit. Zudem öffnen wir uns mehr und mehr und bieten auch Fortbildungen an – so dass man voneinander lernen kann.“

 

Die ganze Folge


Welche konkrete Erkenntnisse die Fellows mitnehmen, welchen Impact Teach First hat und wie der Ausblick auf das Thema Bildungsgerechtigkeit ist, könnt ihr in der
ganzen Podcastfolge hören. Es geht außerdem darum, was Wirtschaft und Schule noch voneinander lernen können und für wen die Arbeit von Teach First spannend ist. Eine sehr hörenswerte Folge! Danke für das tolle Gespräch, Sonja!

     

    Meine Name ist Romy Möller. Ich bin Coach, Pädagogin und Prozessbegleiterin. Mit meiner Arbeit möchte ich einen Raum von Offenheit schaffen und genau die Impulse geben, die nötig sind, damit Tiefe, Verbundenheitund eigene Freiheit in der Arbeitswelt entstehen können. Dabei bin ich davon überzeugt, dass die Arbeitswelt in Schulen als auch in Unternehmen von Wertschätzung und Leidenschaft geprägt sein kann und wir von- und miteinander lernen können. Daher ist für mich das „zusammenWachsen“ von Schule und Wirtschaft ein Herzensthema.

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    Romy Moeller
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